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BÜRGLEN: Das Dorf und seine Moschee

Bürglen hat einen Ausländeranteil von 27 Prozent. Darunter viele Moslems. Das Dorf und die Moslems sind schon mehrfach in den medialen Fokus geraten – so auch diese Woche. Nun will die Stiftung Islamische Glaubensgemeinschaft Thurgau mit Vorurteilen aufräumen.
Michèle Vaterlaus
Bayram Dagli, Präsident der Stiftung, steht im Gebetsraum der Männer. Er fungiert jeweils als Imam. (Bild: Andrea Stalder)

Bayram Dagli, Präsident der Stiftung, steht im Gebetsraum der Männer. Er fungiert jeweils als Imam. (Bild: Andrea Stalder)

BÜRGLEN. Die Moschee steht an der Hauptstrasse. Sie fällt nicht auf: ein graues Haus. Nur ein Schild über dem Eingang, auf dem «SIG Bürglen Ulu Camii» steht, weist darauf hin, dass hier ein islamisches Gebetshaus untergebracht ist. «Gebetshaus? Eine Moschee ist viel mehr als das», sagt Adem Kujovic. Der Generalsekretär der Stiftung Islamische Glaubensgemeinschaft Thurgau hat spontan zu einem Besuch vor Ort eingeladen.

Denn die Moschee steht wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Vor sechs Jahren war die Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft Milli Görüs der Grund. Gemäss Bundesamt für Polizei neigt diese zu Gewalt. Heute liegt es daran, dass die Stiftungsaufsicht des Bundes der Stiftung Islamische Glaubensgemeinschaft Thurgau, welche die Moschee besitzt, «erhöhte Aufmerksamkeit» schenkt (Ausgabe vom Dienstag). Damit konfrontiert zeigt sich der Vorstand der Moschee erstaunt.

Treffpunkt für Junge

In Begleitung von Yasemin Catan, Jugendverantwortliche, und Bayram Dagli, Präsident der Stiftung, zeigt Adem Kujovic die Räume an der Weinfelderstrasse 30 in Bürglen. Alle reichen die Hand und laden die Besucher ein, am Tisch im Aufenthaltsraum Platz zunehmen. Der Raum ist eine Cafeteria mit Töggelikasten, Pingpongtisch und Getränketheke. Hier treffen sich Jugendliche am Nachmittag oder am Wochenende. Prompt trudeln zwei Jungs ein. Man kennt sich, grüsst sich «as-salamu alaikum». «Wir treffen uns regelmässig am Freitagabend in der Moschee», sagt Adem Kujovic, der selbst erst 22 Jahre alt ist. «Hier in der Cafeteria finden die Feste zu unseren Feiertagen statt oder der Basar, den wir zweimal im Jahr durchführen», sagt Yasemin Catan. Auch Vorträge und Seminare werden hier gehalten. 40 Mitglieder beziehungsweise 40 Haushalte zählt die Moschee. Diese zahlen einen Mitgliederbeitrag. Dazu kommen rund 200 Aktivmitglieder, die zwar keinen Mitgliederbeitrag bezahlen, aber die Moschee besuchen. Adem Kujovic, Yasemin Catan und Bayram Dagli schlagen vor, die Gebetsräume im ersten und zweiten Stock zu besichtigen. Die Schuhe müssen aber unten bleiben.

Männer- und Frauenraum

Eine Treppe, die mit Teppich bezogen ist, führt in den ersten Stock, wo sich der Gebetsraum der Männer befindet. Der grünliche Teppich zeigt ein orientalisches Muster, an der Wand hängen Gebetsketten, im hinteren Bereich steht eine digitale Uhr, sie zeigt die Gebetszeiten an. An der Rückwand steht ein Büchergestell mit Literatur über den Islam. «Hier findet auch Religionsunterricht für die Kinder statt», sagt Yasemin Catan. Manchmal beten hier Männer und Frauen gemeinsam. Und manchmal beten die Frauen einen Stock höher im eigenen Gebetsraum. Dieser ist kleiner und hat keine Kanzel, also keinen Minbar, von dem jeweils die Freitagspredigt gehalten wird. Im Frauengebetsraum gibt es auch keinen Bereich für den Vorbeter und keine Bücher – dafür gibt es zu wenig Platz. «Beim gemeinsamen Gebet hören wir den Vorbeter über die Lautsprecher», sagt Yasemin Catan.

Kopftuch in der Schule

Yasemin Catan ist 25 Jahre alt. Sie hat im letzten Herbst ihr Psychologiestudium an der Universität Zürich abgeschlossen und sie trägt ein Kopftuch. Ein solches hat in Bürglen vor nicht allzu langer Zeit für Furore gesorgt: Die Schule hatte zwei Mädchen verboten, während des Unterrichts ein Kopftuch zu tragen. Der Fall kam bis vor Bundesgericht. Dieses entschied im Juli 2013: Das Kopftuchverbot ist nicht rechtens. Die Mädchen dürfen Kopftuch tragen. Heute gebe es nur ein Mädchen an der Schule in Bürglen, das den Hidschab trägt, wie Schulpräsident Rolf Gmünder sagt. Er gibt sich wortkarg, will alte Geschichten nicht aufwärmen. «Wir haben zurzeit keine Probleme.» Wenn es schwierig werde, dann suche man das Gespräch. Das habe man schon immer so gemacht.

Neben- statt miteinander

Neben der Moschee «Ulu Camii» gibt es noch eine zweite in Bürglen. Beide Moscheen fallen eigentlich nicht auf. Dennoch ist es erstaunlich, dass sie ausgerechnet im 3679-Seelen-Dorf Bürglen stehen. Das Dorf hat zwar einen Ausländeranteil von 27 Prozent, doch auch in diversen anderen Situationen zeigten sich die Einwohner nicht besonders erfreut über Fremdes. Der Personenfreizügigkeit hat das Dorf 2009 knapp zugestimmt, die Initiative gegen den Bau von Minaretten hat die Gemeinde angenommen, der Durchsetzungs-Initiative hat sie ebenfalls zugestimmt. Und nicht zuletzt machte die Gemeinde von sich reden, weil sie vor zwölf Jahren ein Einbürgerungsgesuch eines Türken ohne Begründung abgelehnt hatte. Er rekurrierte dagegen, der Fall kam vor Bundesgericht und die Bürgler lehnten das Gesuch ein zweites Mal ab. Sie mussten es aber nicht mehr begründen: Der Mann zog nach Weinfelden und wurde dort eingebürgert.

Kein fremdenfeindliches Dorf

«Bürglen ist sicher nicht fremdenfeindlich», sagt Gemeindepräsident Erich Baumann. Doch es gebe eine namhafte Gruppe von Stimmbürgern, die Einbürgerungsgesuche aus Prinzip ablehne. Und er räumt ein: «Ausländer und Schweizer leben hier in Bürglen eher nebeneinander als miteinander.» Das liege daran, dass hier viele Türken und Albaner lebten, die sich gut untereinander organisierten. «Das ist nicht förderlich für die Integration.» Aber es gebe hie und da einen Austausch. «Werden wir eingeladen, dann folgen wir der Einladung selbstverständlich», sagt Baumann. Man habe den Moscheevereinen auch angeboten, ihre Veranstaltungen auf der Gemeinde-Homepage zu publizieren. «Bis jetzt haben wir aber keine Beiträge bekommen.»

Verpasstes nachholen

Yasemin Catan und Adem Kujovic haben in Bürglen – und auch sonst im Thurgau – kaum negative Erfahrungen gemacht. «Natürlich erlebt man auch weniger Erfreuliches im Zusammenhang mit dem Kopftuch, aber bei mir überwiegen die positiven Erfahrungen.» Die Leute seien freundlich in Bürglen. «Das einzige, was wir schade finden, ist, dass an unserem Tag der offenen Moschee nicht sehr viele Besucher kamen, obwohl wir viel Werbung gemacht haben», sagt Yasemin Catan. Der Vorstand hätte sich mehr gewünscht. Aber er wird wieder dazu einladen. Das wird allerdings erst im Herbst sein. Bis dahin hat der Vorstand noch anderes zu erledigen. Das hat auch damit zu tun, dass der Bund der Stiftung Islamische Glaubensgemeinschaft Thurgau «erhöhte Aufmerksamkeit» zukommen lässt. «Wir haben Kontakt mit der Stiftungsaufsicht aufgenommen. Man hat uns gesagt, dass der Grund für die <erhöhte Aufmerksamkeit> ist, dass wir den Jahresbericht und die Jahresrechnung 2014 nicht eingereicht haben», sagt Adem Kujovic. «Das hängt damit zusammen, dass wir einen Wechsel im Vorstand hatten und wir alle ehrenamtlich arbeiten», erklärt er. Bis Ende Mai werde der Treuhänder alles nachholen. Und die Moschee werde wohl wieder vom Radar verschwinden, glaubt Kujovic.

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