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BRÜCKENBAUERIN: Frauenfelderin trifft Merkel und Obama

An Auffahrt beginnt in Berlin der Deutsche Evangelische Kirchentag. Die Frauenfelder Theologin Christina Aus der Au präsidiert den Grossanlass. Sie diskutiert dort mit den Mächtigen der Welt.
Stefan Hilzinger
Die Frauenfelderin Christine Aus der Au ist Präsidentin des Deutschen Kirchentags. (Bild: Reto Martin)

Die Frauenfelderin Christine Aus der Au ist Präsidentin des Deutschen Kirchentags. (Bild: Reto Martin)

Entspannt blickt Christina Aus der Au von der Veranda ihres Hauses in Frauenfeld ins Grüne. Die Schwertlilien blühen. Vögel zwitschern. Die Tochter tollt mit Nachbarsmädchen auf dem Rasen herum. «Der sollte wieder mal gemäht werden», sagt Aus der Au. Doch das hat Zeit. Denn am Auffahrtstag trifft sie Kanzlerin Angela Merkel und den früheren US-Präsidenten Barack Obama in Berlin. Sie interviewt die beiden Politgrössen unter freiem Himmel beim Brandburger Tor. Sie bangt: «Wenn’s bloss nöd schiffet!» Der Anlass ist der mediale Höhepunkt des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages, den die 51-jährige Thurgauer Theologin präsidiert (siehe unten).

Als Sechstklässlerin spielt sie den Gessler hoch zu Ross

Aufgewachsen ist sie mit Bruder und Schwester in Märstetten, wo ihre Eltern bis heute leben. Primarlehrer Eugen Alder erinnert sich gut an sie. «1978 führte ich mit den Fünft- und Sechstklässlern auf dem Platz vor dem Zehntenhaus das Urner Tellenspiel auf. Bei der Rollenverteilung fehlte mir unter den Buben der Typ des Gesslers», berichtet er. So übertrug er die Rolle der «lebhaften und sicheren Christina». In einer Probe habe sie dann keck angekündigt: «Ich chum dänn mit eme Ross.» Trotz Bedenken gestattete er ihr den Wunsch. «Die Proben verliefen fast spektakulär, und die Abendaufführung war unvergesslich», sagt Alder.

Der heutige Präsident des Thurgauer Evangelischen Kirchenrats, Wilfried Bührer, lernte Aus der Au schon als Jugendliche kennen, als er Pfarrer in Alterswilen war und sie in Märstetten den Konfirmationsunterricht besuchte. Später traf er sie wieder als Jugendarbeiterin in Felben. «Sie ist blitzgescheit und sehr wortgewandt», sagt Bührer. Ihr gelinge es, eine Brücke zu schlagen von der Theologie als akademischer Disziplin zum Gemeindeleben. Das zeigt sich laut Bührer auch jetzt in Frauenfeld, wo sie beim Weihnachtskonzert von Kirchen- und Kinderchor mitgesungen hat.

Als theologische Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung verdient Aus der Au an der Universität Zürich ihr tägliches Brot. An der Uni Basel schrieb sie ihre Habilitation zum Thema «Menschenbild in den Neurowissenschaften», was ihr den Professorentitel einbrachte. «Der Thurgau, die hiesige Mundart und auch die hiesige Kirche sind meine Heimat», sagt sie. Seit bald fünf Jahren wohnt sie mit Mann Berthold, einem Physiker, Tochter Malina und Kater Linus wieder im Thurgau. Ihre Familie ist landeskirchlich geprägt. In der Jugend findet sie Anschluss bei der Weinfelder Chrischona-Gemeinde. «Dort gab es einfach die bessere Musik im Gottesdienst», sagt sie. Nach der Matur studiert sie in Tübingen vorerst Philosophie und spezialisiert sich auf Fragen der Metaphysik. Dann fasst sie kurz ein Jurastudium ins Auge. «Aber im Deux-Pièces in die Vorlesungen zu gehen war nicht mein Ding.» Schliesslich folgt das Theologiestudium in Zürich, denn sie weiss für sich: «Ich glaube an Gott, aber ich will auch noch mehr darüber wissen.» Und was heisst Glaube für sie? «Das ist kein einfaches Für-wahr-Halten von Aussagen», sagt sie, sondern die Überzeugung, dass Gott mit den Menschen eine gemeinsame Geschichte und eine Absicht habe, eine Dimension hinter dem, was wir sehen und messen können. Worin zeigt sich das? «Wenn ich hier in den Garten schaue und sage: ‹Läck, so schön!›», antwortet sie und lacht. «Da fühle ich Dankbarkeit für unsere Existenz und bin froh, einen Adressaten für diese Dankbarkeit zu haben.» Das gelte aber nicht nur für das Schöne und Gute, sondern auch für das Leid in dieser Welt und für ihr Mitleiden. «Da hadere ich doch lieber mit einem Gott als mit dem Nichts», sagt sie.

Keine Berührungsängste vor niemandem

Ihr ist dabei wichtig, dass niemand allein den «einen, wahren Glauben» hat. «Am Kirchentag kommen Menschen aus allen christlichen Frömmigkeitsstilen zusammen», betont sie. Und auch nicht nur Politiker wie Merkel, Obama und Steinmeier kommen zu Wort, sondern auch Juden, Moslems und Atheisten. «Es findet auch eine Diskussion mit einer Vertreterin der AfD statt.» Die rechtspopulistische «Alternative für Deutschland» einzuladen hatte eine Kontroverse ausgelöst. «Aber wir wollen nicht einfach ausblenden, dass sich ein bedeutender Teil der Bevölkerung von der herrschenden Politik nicht wahrgenommen fühlt.» Als Schweizerin liege ihr eine solche Einstellung wohl näher als den Deutschen. «Wir können auch von denen lernen, die anderer Meinung sind als wir.» Bei allem Politischen und aller Prominenz: Der Kirchentag sei auch ein grosses Fest. «Darauf freue ich mich mindestens ebenso wie auf den Talk mit Obama.»

Und nach dem Anlass? Sie lacht: «Dann kommt das grosse Loch.» Nein, bestimmt nicht. Schliesslich muss der Rasen gemäht werden, und dann sind da die Anfragen für Tagungen in Freiburg, Salzburg und Innsbruck. «Die Diskussion, welche Rolle unser Glaube in der liberalen Gesellschaft spielt, führe ich in jedem Fall weiter.»

Engagierte Demokratie mit Angela Merkel und Barack Obama

Zum 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin vom 24. bis 28. Mai erwarten die Veranstalter rund 100'000 Besucherinnen und Besucher. Aus der Schweiz werden gegen 1000 Teilnehmer erwartet. Der Anlass findet seit 1949 alle zwei Jahre in einer deutschen Metropole statt. Der Kirchentag entstand als Folge des Zweiten Weltkrieges, als deutlich wurde, wie die offizielle Kirche ihre Verantwortung den Menschen gegenüber nicht wahrgenommen hatte. Träger der Veranstaltung ist ein Verein ausserhalb der offiziellen evangelischen Kirche. Seit 2007 gehört Christina Aus der Au dem 30-köpfigen Präsidium an. Das Programm umfasst an den fünf Tagen mehr als 2000 Veranstaltungen, Gottesdienste, Diskussionsrunden, Vorträge und Konzerte. Einer der Höhepunkt des Berliner Kirchentags ist der Auftritt der Bundeskanzlerin Angela Merkel und des früheren US-Präsidenten Barack Obama beim Brandenburger Tor am Auffahrtsdonnerstag, den die Frauenfelderin mitmoderiert. Der Anlass steht unter dem Titel «Engagiert Demokratie gestalten». «Es ist eine wichtige Aufgabe des Kirchentags, die Mächtigen der Welt nach ihrer Haltung zu befragen», sagt Aus der Au. Abgeschlossen wird der Kirchentag mit einem Open-Air-Festgottesdienst am Sonntag in der Lutherstadt Wittenberg. Die ARD überträgt den Anlass beim Brandenburger Tor und den vorangehenden Gottesdienst live. Infos unter www.kirchentag.de (hil)

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