«Bruder Jakob» im Multikulti-Kanon

Eigentlich wollte sie ihren Geburtstag gar nicht feiern. Und nun sitzt sie erstaunt und sichtlich gerührt da. Die 70köpfige Runde stimmt «Bruder Jakob» an.

Mathias Frei
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80 Jahre alt und noch kein bisschen leise: Irma Stämpfli singt bei ihrem Geburtstagslied «Bruder Jakob» mit. (Bild: Mathias Frei)

80 Jahre alt und noch kein bisschen leise: Irma Stämpfli singt bei ihrem Geburtstagslied «Bruder Jakob» mit. (Bild: Mathias Frei)

Eigentlich wollte sie ihren Geburtstag gar nicht feiern. Und nun sitzt sie erstaunt und sichtlich gerührt da. Die 70köpfige Runde stimmt «Bruder Jakob» an. Menschen aus Afghanistan, Iran und irakische Kurden, Schweizer, Eritreer, Menschen aus Bangladesh oder Sri Lanka singen gemeinsam – für Irma Stämpfli zu ihrem 80. Geburtstag. Irma Stämpfli hat ihnen in den vergangenen sechs Jahren viel gegeben. Nun bekommt die Frau mit den weissgrauen Haaren, die fast nie still stehen kann und doch für jede und jeden ein offenes Ohr hat, etwas zurück. Irma Stämpfli ist eine, die richtig zuhört und dann handelt, dabei aber nicht im Mittelpunkt stehen will. Die 80 Jahre würde man ihr nicht geben.

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Seit 2010 gibt es das Solidaritätsnetz Frauenfeld. Freiwillige, die sich für Flüchtlinge engagieren. Irma Stämpfli hat den Frauenfelder Ableger gegründet. Sie ist Kopf und Herz. Seit sechs Jahren ist sie jeden Donnerstag am Solinetz-Treff in den Räumlichkeiten der evangelisch-methodistischen Kirche am Frauenfelder Altweg. Heuer gab's erstmals keine Sommerpause, dafür einige Grillabende.

Am Mittwoch, 31. August, ist Irma Stämpfli 80 Jahre alt geworden. Am Donnerstag drauf ist wie immer Solinetz. Zum Znacht gibt es Gemüseeintopf, Salat und Früchte. Dann ruft Annette Roemer die internationale Gesellschaft, in der viel gelacht wird, zusammen. Irma Stämpfli soll auf einem Sessel in der Mitte Platz nehmen. Sie geniert sich fast ein wenig der Aufmerksamkeit, die ihr nun zuteil wird. «Bruder Jakob» habe sie das erste Mal gesungen, als sie im Kindergarten war. Und jetzt singen andere das Lied für sie. «Die Welt hat sich nicht verändert», sagt sie – im Wissen, dass es heute keine heile Welt gibt.

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Zur Feier des Tages spielt Farugh Alem Yar, der afghanische Beizer aus der Vorstadt, Flöte, erhält Begleitung durch eine Trommel. Jugendliche tanzen zu traditioneller Musik aus Zentralasien. Dann werden zwei grosse Geburtstagstorten herangetragen. Irma Stämpfli bläst die paar Kerzen aus. «Ich wünsche mir, dass ihr alle eine gute Zukunft habt», sagt sie. Die Runde applaudiert.

Den Überraschungschor hat Annette Roemer organisiert. Nur gerade einmal habe man geprobt, mit den Frauen aus der Gruppe, erzählt sie. Jugendliche haben ihr geholfen, den Liedtext in Türkisch, Arabisch und Farsi, also Persisch, zu übersetzen. Zudem hat sie den englischen und französischen Text organisiert. Über Facebook hat Annette Roemer den Text verschickt und Youtube-Links, damit man sich anhören konnte, wie das Lied klingen sollte.

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Später an diesem Donnerstag steht Irma Stämpfli draussen und verabschiedet Besucher des Solinetz-Treffs. Daneben eine junge Tamilin, die erzählt, wie einmal in ihrer Wohnung in Frauenfeld der Herd gebrannt und wie sie Irma angerufen habe – um 1 Uhr nachts.

Irma Stämpfli hat früher als Sozialarbeiterin gearbeitet, zuletzt für Langzeit-Kranke. Mit ihrer Pensionierung startete ihr Engagement bei der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau (Agathu) im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen. «Wenn ich im Ausland war, hatte ich immer das Bedürfnis, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen», erzählt sie. «Mein eigenes Land war mir zu wenig.» Sie habe einfach mehr gewollt. Und dann sagt Irma Stämpfli, sie sei froh, dass mit engagierten Leuten wie Annette Roemer oder Katharina Portmann das Solinetz Frauenfeld in Zukunft in guten Händen sei.

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