Brandgeruch kriecht in die Kleider

STECKBORN. Nach der Steckborner Brandkatastrophe in die Normalität zurückzukehren, ist für die Betroffenen eine immense Herausforderung. Die einen wollen in den Brandruinen sehen, was von ihren Geschäften oder Wohnungen übriggeblieben ist. Die anderen haben noch nicht die Kraft dazu.

Margrith Pfister-Kübler
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Drogerie-Inhaber Matthias Brunnschweiler, seine Tochter Steffie und Wohnungsmieter Robin Dierauer (rechts) betrachten den Brandschaden im Ladenlokal. (Bilder Margrith Pfister-Kübler)

Drogerie-Inhaber Matthias Brunnschweiler, seine Tochter Steffie und Wohnungsmieter Robin Dierauer (rechts) betrachten den Brandschaden im Ladenlokal. (Bilder Margrith Pfister-Kübler)

Der Nebel hüllt während den Weihnachtstagen die Überreste der Brandkatastrophe an der Steckborner Seestrasse in schemenhaftes Licht. «Es ist alles unter Kontrolle», sagt Feuerwehrkommandant Reto Fischer. Feuerwehr und Polizei kontrollieren regelmässig. Aber der Anblick der mit Gittern gesicherten Brandruinen trifft die Passanten bis in die Seele.

«Grausig», sagen junge Leute spontan. Alle hoffen, dass die Gefahr einer Neuentzündung nicht mehr droht. Sechs ineinander verschachtelte Gebäude standen in der Nacht von Sonntag auf Montag letzter Woche in Flammen (unsere Zeitung berichtete).

Brandgeruch kriecht in Kleider

Per Facebook ruft Sabrina Widler-Stolz am ersten Weihnachtstag dazu auf, Weihnachtslieder am Platz der Tragödie zu singen. Rund 100 Menschen sind gekommen. Auch Stadtpräsident Roger Forrer singt mit. Brennende Kerzen in den Händen von Singenden lösen bei einigen Brandopfern Zittern aus. Es geschah zu viel in diesen Tagen. Das Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft sind gross. Der Brandgeruch in der Luft kriecht den Menschen in die Kleider.

In der Vollmondbar, weitab von der Brandstelle, treffen sich zahlreiche Menschen am Weihnachtssonntag. Susanne Eggmann vom Vollmondbar-Team lässt einen Hut für die Brandopfer kreisen. 400 Franken werden so gesammelt und diese sind bereits auf das Spendenkonto für die Brandopfer überwiesen.

Ein Velo vor der Brandruine

Vor der Sicherheitsabzäunung der Drogerie Brunnschweiler steht am zweiten Weihnachtstag verlassen ein Velo mit Körbli. Damit ist Drogist Matthias Brunnschweiler hergefahren. Er hat mit seiner Familie in einem Ferienhaus Zuflucht gefunden. Brunnschweiler befindet sich mit Tochter Steffie und Robin Dierauer in der Brandruine. Mit Taschenlampen gehen sie in der trügerischen Stille durch die Drogerieräume.

Drogerieartikel ruiniert

Ein Anblick wie nach einer Explosion, alles russverschmiert und nass. Von Robin Dierauers Wohnung über der Drogerie ist nichts mehr übrig. Da ist diese unheimliche Stille in der Brandruine mit den zahllosen Drogerie- und Pharmaartikel, ruiniert durch Löschwasser und Russ. «Das alles kann nicht mehr genutzt werden», sagt Brunnschweiler. 39 Jahre unermüdliche Arbeit ist hin. Sogar die in Plastik eingepackten Zahnbürsten sind nicht mehr zu gebrauchen.

«Wichtig ist für uns, dass wir das Wissen um die Rezepturen und die Buchhaltung retten können. Wir müssen jetzt den Standort beurteilen, die Zukunftsmöglichkeiten ausleuchten», sagt Brunnschweiler.

Noch Daten auf dem Telefon?

Dierauer gräbt ein Telefon aus. Vielleicht kann die Swisscom noch Daten rausholen, meint er. Es wimmelt nur so von Problemen, wenn kein Computer mehr geht, und die Passwörter nicht mehr auffindbar sind.

In den Augen von Brunnschweilers Tochter Steffie, ebenfalls Drogistin, spiegelt sich stumm die Tragödie. Für alle Opfer beginnt nun das grosse Umdenken. Aber wenigstens geht es allen gut. Oberstes Gebot dieser Tage ist Ruhe bewahren. Es gibt hundert Dinge gleichzeitig zu tun. Trotzdem darf nichts überstürzt werden.

Blumengeschäft ausgebrannt

Floristin Jeannette Lüchinger, die am 1. Oktober dieses Jahres das 40-Jahr-Jubiläum ihres Blumengeschäftes feiern durfte, kann jetzt nur noch auf eine Ruine aus Schutt und Asche blicken: Sie wohnt an der Rodelstrasse und sagt auf telefonische Anfrage: «Ich muss das Unglück zuerst mal zehn Tage sich setzen lassen. Ich brauche Distanz.» Solche Katastrophen steckt niemand einfach weg.

Seine Gewohnheit, Laptop, Geldbeutel und Handy vor dem Schlafengehen am gleichen Ort hinzulegen, war Robin Dierauer bei seiner Flucht hilfreich. «Auf dem Balkon loderten die Flammen, ich packte diese Sachen, zog meine gelbe Jacke an und flüchtete», sagt er und weist auf das Glück aller Betroffenen hin, überlebt zu haben. Matthias Brunnschweiler beschreibt das Szenario ähnlich. Keiner spricht von möglichen Brandursachen: «Das ist Sache der Polizei, solange es keinen abschliessenden Bericht gibt, bleibt all dies weitgehend Spekulation.»

Lob für die Feuerwehr

Ein Riesenlob ist rundum zu hören für die Feuerwehrleute, genauso wie für den Einsatz des Stadtpräsidenten Roger Forrer und des Feuerwehrkommandanten Reto Fischer sowie für alle Menschen, die sich helfend und spendend kümmern. Feuerwehrkommandant Reto Fischer ist in diesen Tagen mit total 160 Leuten im Einsatz gewesen. «Es hat hervorragend geklappt», sagt er mit Erleichterung. Auch die Feuerwehren von Kreuzlingen, Frauenfeld, Diessenhofen und Stein am Rhein haben zur raschen Löschung des Grossbrandes beigetragen. Es habe sich einmal mehr bestätigt, dass Feuerwehrübungen, das Training von Automatismen von grösster Wichtigkeit sind, betont Fischer und lobt auch die Arbeitgeber der Feuerwehrleute: «Diese haben sehr vernünftig reagiert. Wir sind ja keine Berufsfeuerwehr und die Leute haben alle einen Job.» Stadtpräsident Roger Forrer ist ergriffen von der Solidarität der Mitmenschen und der grossen Hilfsbereitschaft. Für alle Opfer des Brandes konnten Unterkünfte gefunden werden. «Die Hilfe und Solidarität ist immens. Deshalb werden auch keine Möbel, Kleider und Gebrauchsgegenstände mehr gesucht.» Der katholische Pfarreisaal ist gefüllt mit abgegebenem Material. Geldspenden für die Opfer des Brandes werden weiterhin entgegengenommen auf das Postkonto 89-957198-6, lautend auf «Gemeinde Steckborn, Spenden Brand Altstadt, 8266 Steckborn». Morgen Dienstag, 9 Uhr, ist Treffpunkt im katholischen Pfarreiheim. In Einzelgesprächen wird abgeklärt, wo noch Hilfe nötig ist.

So sah der Brandplatz über die Festtage aus. Ganz links die Drogerie.

So sah der Brandplatz über die Festtage aus. Ganz links die Drogerie.

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