BOTTIGHOFEN: Sie wollen Meer

Sie bauen in einem Zelt einen Katamaran und wollen damit auf hohe See. Einhundert Jugendliche und junge Erwachsene arbeiten an ihrem Traum. Ein Projekt mit Spirit und sozialem Anspruch.

Urs Brüschweiler
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Der Hochseesegelkatamaran «Arrow 1360» ist ein Bausatz einer australischen Firma. (Bilder: Andrea Stalder)

Der Hochseesegelkatamaran «Arrow 1360» ist ein Bausatz einer australischen Firma. (Bilder: Andrea Stalder)

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch

«Es gibt Ideen, die lassen dich nicht mehr los», erzählt Damian Ruppen. Er ist Vorstandsmitglied beim Verein Ocean Youth Sailing – oder zu Deutsch: Jugend-Meersegeln. Vor gut einem Jahr haben dessen Mitglieder in einem Zelt am Bottighofer Hafen mit dem Bau eines Katamarans begonnen. An Wochenenden, Nachmittagen, immer wenn es sich einrichten lässt, sind sie an der Arbeit. Die Gruppe der Helfer wächst stetig. Über 100 Gleichgesinnte sind sie schon: Schüler, Jugendliche, junge Erwachsene aus dem Thurgau oder von weiter her.

Zehn Schlafplätze und alles, was dazugehört

Das Zelt befindet sich etwas versteckt auf einer Wiese hinter der Bootswerft. Der riesige Katamaran steht auf seinen zwei mächtigen Rümpfen auf dem Bretterboden. 13,6 Meter lang und 7,40 Meter breit wird das Schiff. Zehn Schlafplätze bietet es und alles, was zu einem hochseetauglichen Katamaran gehört. Seine endgültigen Ausmasse hat er bereits, einen Namen aber noch nicht. Klar ist erst, dass er eine Sie wird. «Im Juni 2018 wollen wir ihn einwassern», sagt Damian Ruppen. Zuerst im Bodensee für einige Testfahrten. Danach wwird er ab Basel auf dem Rhein bis ins Meer transportiert.

Der Rohbau ist bereits fertig. An diesem Nachmittag sind sie zu siebt am Werk. Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Bauwagen beginnt wieder die Arbeit. Bauleiter Lukas Ruppen verteilt den Anwesenden die Aufgaben. Er erklärt die Arbeit und gibt Tipps zur Ausführung. Nic, Fiona, Michelle und Matthias verleimen eine Sitzbank am Heck des Schiffes. Wegen der Dämpfe tragen alle einen Mundschutz. Konzentriert wird gearbeitet, dazwischen auch oft gelacht. «Die meisten Leute, die heute hier sind, habe ich vor einem Monat noch gar nicht gekannt», erzählt Damian Ruppen. Es sei eine Gruppendynamik entstanden, die das Projekt vorantreibe. Über Freunde oder Freunde von Freunden seien sie dazugekommen, erzählen die jungen Bootsbauer. «Es ist ein guter Ausgleich zum Studium. Du kannst etwas mit deinen Händen machen und siehst sofort das Ergebnis», erzählt Michelle. Das praktische Arbeiten und die Abwechslung bereitet auch Gymnasiast Mat­thias grossen Spass. «Ein cooles Projekt. Du siehst, wie ein Boot entsteht», meint auch Fiona. Sie alle schätzen das Gemeinschaftsgefühl bei der Arbeit als Team.

Sie bilden eine Wertegemeinschaft

Das Know-how für den Bau eines solchen Schiffes bringt der Vorstand ein. ETH-Ingenieur Lukas Ruppen ist fast immer vor Ort, wenn gebaut wird. Kantilehrer Damian Ruppen hat beruflich ebenfalls etwas zurückgesteckt, um das Projekt voranzutreiben. «Alle, die mitmachen, stecken enorm viel Zeit und Herzblut in das Projekt.» Der Katamaran ist der gemeinsame Nenner. Aber es geht noch um mehr. Die Jugendlichen bilden auch eine Wertegemeinschaft. «Segeln ist eine Lebensschule. Das Teamwork und die Verantwortung auf einem Schiff. Das verändert deinen Charakter», sagt Damian Ruppen. Deshalb hat sich der Verein auch die Unterstützung gemeinnütziger Projekte auf die Fahnen geschrieben. In Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsbegleitung der Peregrina-Stiftung führen sie ein Arbeitsintegrationsprojekt durch. Drei Flüchtlinge wurden von ihnen ausgebildet und haben drei Monate am Schiff mitgearbeitet. Nun konnte einer mit diesen Erfahrungen bereits eine Praktikumsstelle finden. Ein Erfolg, auf den die Bootsbauer sehr stolz sind. Auch die Umwelt liegt ihnen am Herzen. Der Verein hilft schon heute bei Beach-Cleaning-Aktionen und der Hilfsmotor des Katamarans soll voraussichtlich mit Solarzellen angetrieben werden. Und sie denken noch weiter. Auf dem Schiff bauen sie eine Werkstatt ein, mit dem Ziel, einst irgendwo auf der Welt bei Infrastrukturprojekten von Hilfsorganisationen mitanpacken zu können. Doch vorerst wollen sie möglichst viele aus ihrer Gemeinschaft zu Hochseeskippern ausbilden. Damit sie die Bauhelfer einst zu Segeltörns auf die Weltmeere mitnehmen können.

Dass die hochgesteckten Ziele des Vereins auf so gutem Wege sind, verdanken sie auch dem Goodwill zahlreicher Partner. Firmensponsoren, Stiftungen und Private zeigen sich grosszügig und unterstützen das ideelle Projekt auch finanziell. «Wir müssen rund 300000 Franken für die Materialkosten aufbringen», sagt Damian Ruppen. Rund ein Drittel fehlt bis heute noch. Doch sie sind zuversichtlich, dass sie dank dem grossen Interesse an ihrem Projekt und den bereits vorzeigbaren Erfolgen noch weitere Unterstützer finden werden.

Weitere Helfer sind willkommen. Infos: oceanyouthsailing.com