Bodenlos!

Thursicht

Max Eichenberger
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Die Erde bewegt sich, weiss jedes Schulkind: sie rotiert um ihre eigene Achse. Sie bewegt sich auch in sich: Druckverhältnissen und dem Klima ausgesetzt. Vulkane speien Asche, wie zuletzt am Mount Agung in Bali. Wo tektonische Platten aneinanderreiben, kommt es zu spektakulären Verwerfungen. Atolle versinken im Meer. Ganze Bergflanken rutschen zu Tal. Irgendwo weit weg! Doch was im grossen Massstab in Bondo passiert ist, hat seine Entsprechung im Kleinen – zum Beispiel im Roggwiler Heutobel. Dort ist der Forstweg nach sintflutartigen Regenfällen abgerutscht. Peanuts im Vergleich zu grossen Katastrophen, etwa im Apennin, auf Haiti, in Nepal. Weit weg. So weit weg? Man erinnert sich an die Hochwasser-Verwüstungen in Horn. Oder die Folgen der reissenden Steinach.

Man vergisst gern. Und dann bewegt sich die Erde plötzlich. Bei uns. In Arbon. Krachend. Das Seeufer bricht weg, der vielbegangene Promenade-Weg sackt ab. Von einer Sekunde auf die andere. Grosse Krater sind entstanden. Weitere Gelände­bereiche könnten einbrechen: dort, wo sich unter der Oberfläche durch stete Ausspülungen und physikalische Einflüsse wie Wellenschlag, Wasserdruck und Temperaturschwankungen unbemerkt im Laufe der Zeit Hohlräume gebildet haben. Gerade dort, wo viele Menschen das Seenachtfest verfolgen und am Rande des Summerdays- Festivalareals hin- und herschlendern. Nicht auszudenken!

Bodenlos am See – auch in Egnach. Vierzig Zinctec-Mitarbeiter haben erfahren müssen, wie es ist, nach der Kündigung den Boden unter den Füssen zu verlieren. In Arbon war letztlich die meteorologische Kälte der Auslöser; in Egnach spüren die Betroffenen die soziale Kälte.

Max Eichenberger

max.eichenberger

@thurgauerzeitung.ch