Bittere Enttäuschung

Seit 2012 zog Fredi Keller dreimal vor Gericht, dreimal wurde zu Gunsten des Angeklagten entschieden. Keller gibt trotzdem nicht auf: Am Tod seiner Tochter am Open Air Frauenfeld sei das Sicherheitssystem schuld und keine unglückliche Verkettung.

Alexandra Looser
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Fredi Keller vor Tochter Delphines Gedenkstein. (Bild: Andrea Stalder (Schweizersholz, 22. Oktober 2015))

Fredi Keller vor Tochter Delphines Gedenkstein. (Bild: Andrea Stalder (Schweizersholz, 22. Oktober 2015))

Fredi Keller wollte nicht aufgeben. Nicht nach dem Urteil des Bezirksgerichts Frauenfeld: Freispruch. Auch nicht nach dem erneuten Freispruch des Thurgauer Obergerichts. Als Privatkläger zog er an das Bundesgericht in Lausanne weiter. Hoffte, dass auf letzter Instanz die fahrlässige Tötung seiner Tochter bewiesen werden würde. Und nun erneut: Freispruch. «Es kann nicht sein, dass niemand die Verantwortung übernimmt», sagt Keller enttäuscht, «meine Tochter ist tot. Und jetzt soll ich einfach alles vergessen und schweigen. Das ist ein Hohn.»

Ein Hohn gegen den Verlust seiner Tochter Delphine, die im Juli vor vier Jahren bei den Aufräumarbeiten am Open Air Frauenfeld mithalf, als am Nachmittag plötzlich ein heftiger Sturm aufzog. Delphine rettete sich mit den rund 20 bis 30 anderen Helfern in ein offenstehendes Zelt. Doch die Windböen rissen den Unterschlupf aus der Verankerung. Das Zelt stürzte in sich zusammen, wurde rund 50 Meter weit über den Boden gezerrt und verletzte die Thurgauerin aus Schweizersholz derart lebensbedrohlich, dass sie noch in derselben Nacht verstarb. «Bei den Wettervorhersagen hätte gar niemand auf das Feld geschickt werden dürfen», sagt Keller und ist sich auch nach dem Lausanner Freispruch des Bauchefs noch sicher, dass das mangelnde Sicherheitssystem schuld am Tod der damals 23-Jährigen sei.

Gutachten gegen Gutachten,«David gegen Goliath»

Um Licht in die prekären Umstände zu bringen, wurden für die Verhandlung vor dem Bezirksgericht sechs Wettergutachten ausgestellt, die, so Keller, alle zu Gunsten des Bauchefs ausfielen. «Die haben meine Gutachten und Beweise gar nicht beachtet. Da kommt man sich vor wie bei David gegen Goliath.» Dabei hat Keller Wetter-Expertisen gesammelt, hat mit Ballonfahrern und Segelfliegern gesprochen, sogar beim Flughafen Zürich nachgefragt, wie die mit den Wetterprognosen an jenem Tag umgegangen seien. «Alle bestätigen, dass das Unwetter voraussehbar war, sogar am Flughafen blieben die Flugzeuge eine halbe Stunde lang am Boden, nur auf der Allmend wusste man von nichts – so ein grosser Anlass, den muss man doch meteorologisch überwachen.» Vor allem dann, wenn laut Einschätzung der Appenzeller Meteo Group für den Bezirk Frauenfeld eine klare Warnung herausgegeben worden sei.

Lebenserfahrung gegen Wetterprognose

«Um 15.10 Uhr gab es eine akute Gewitterwarnung der Stufe orange und um 15.25 Uhr eine akute Gewitterwarnung der Stufe rot», zitiert Keller den Bericht, worin es weiter heisst, dass auch Meteo Schweiz für den Bezirk Frauenfeld um 15.15 Uhr die Bundeswarnstufe 3 herausgegeben habe. «Spätestens dann hätte der Bauchef die Helfer abziehen müssen.» Gegen 16 Uhr wurde Delphine tödlich verletzt.

Das Bundesgericht untermauert sein Urteil dadurch, dass trotz bestehender Unwetterwarnungen der Bauchef aufgrund seiner Lebenserfahrung und Kenntnisse nicht damit rechnen konnte, dass ein derart schwerer Sturm aufkommen würde. «Dass das heftige Unwetter vom 10. Juli 2012 ein Todesopfer forderte, war die Folge einer äussert unglücklichen Verkettung von Umständen.» Eine Fazit, das Keller unglaublich findet.

Die Wetterwarnungen wären dabei nicht das einzige Indiz für fahrlässiges Handeln: Keller hat auch mit dem Zeltvermieter gesprochen, der ihm bestätigt habe, dass sich während des Abbaus keine Helfer auf dem Gebiet hätten aufhalten dürfen. «Das Sicherheitskonzept hat aber nie jemand vor Gericht angesprochen.» Inwiefern sich dieses in den letzten vier Jahren verbessert hat, dazu wollte das Open Air Frauenfeld keine Stellung beziehen. «Direkt wegen des Falls gab es keine Änderungen», sagt Mediensprecher Joachim Bodmer.