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Bischofszeller Hauptprobe

Olma-Krimi von Daniel Badraun – zehnter Teil

Ich warte, bis es still ist draussen. Renner hat mir einen Stand an der Olma versprochen. Gut so. Nun tätige ich noch einen zweiten Anruf. Ich muss meinen ganzen Charme spielen lassen, um ans Ziel zu kommen. Danach dusche ich. Seit gestern Morgen war ich nicht mehr aus den Kleidern gekommen.

Um halb eins bin ich unten auf der Strasse. Da steht bereits der Subaru von meiner Nachbarin Frau Hugentobler. Wiederum mit Schäferhund Drago auf dem Beifahrersitz. Weil sie einen schlimmen Rücken hat, muss ich einen Teil der Kartons mit meinen Staub-Blitz-Staubwedeln alleine aus dem Keller hochtragen. Dazu die Schachtel mit den Porzellan-Kühen aus fragwürdiger chinesischer Produktion. Das alles lade ich in den Kombi, der so vollgepackt ist, dass ich mich zu Drago auf den Vordersitz klemmen muss.

«Fertig?», fragt die hilfsbereite und auch etwas schrullige Nachbarin. «Ich habe mir überlegt», sagt sie, «dass wir besser über Land fahren. Dann sieht Drago auch etwas.»

Und wir kommen vielleicht zu spät. Doch diesen Gedanken spreche ich nicht laut aus, um sie nicht zu erzürnen. Ohne Zwischenfälle erreichen wir Bischofszell. Frau Hugentobler fährt ins Städtchen hinein und hält zwischen den stattlichen Bürgerhäusern.

«Was wollen Sie eigentlich mit diesem Lumpenzeug?» Sie deutet auf meinen Staub-Blitz-Vorrat hinten im Wagen.

«Verkaufen natürlich.» Ich schaue auf die Uhr.

«Sie müssen gar nicht so schauen, Herr Florian.» Frau Hugentobler steigt aus.

«Wir sollten um vier in St. Gallen sein.»

Drago, der merkt, dass es Gassi geht, steht auf und streckt mir sein Hinterteil ins Gesicht.

«Komm zu Frauchen, Drago. Jetzt schauen wir uns die schönsten Rosen vom Thurgau an. Und dann zeigen wir Herr Florian, wie man die Dinger verkauft.»

Frau Hugentobler

Der Hund steigt aus, und ich kann wieder atmen. Mit einigen Staubwedeln unter dem Arm folge ich den beiden. Meine Nachbarin bewundert die blühende Pracht, Drago hebt ab und zu sein Bein. Dann steuert Frau Hugentobler auf ein Haus zu und klingelt.

Ein Mann öffnet das Fenster im ersten Stock. «Die Türe ist offen, Oma.»

Wir lassen uns nicht bitten. Schon sitzen wir in der guten Stube.

«Das ist ja gar nicht die Oma», sagt ein Mädchen, das gerade mit einer Blockflöte in der Hand hereinkommt. Die wird doch nicht etwa spielen wollen?

«Wer sind Sie?», fragt der Vater irritiert.

«Setzen Sie sich doch erst einmal.» Die Mutter zeigt aufs Sofa.

«Wir sind die Vorhut, die Oma kommt später», erklärt Frau Hugentobler, «der Florian möchte euch etwas zeigen.»

«Willst du zuerst noch ein Lied vorspielen, Rebecca?» Die Mutter lächelt.

«Wenn das nicht die Oma mit dem Kuchen ist, dann spiele ich auch nicht!» Trotzig legt das Mädchen die Flöte beiseite. Ich atme erleichtert auf. Nun beginnt der ernste Teil des Verkaufsgesprächs.

«Es gibt zwar keinen Kuchen», beginne ich das Verkaufsgespräch. «Dafür habe ich etwas anderes mitgebracht. Dazu brauche ich eine Assistentin.» Rebecca kommt zu mir. «Zuerst möchte ich dir etwas schenken.»

Schnell verschwindet eine kleine Porzellankuh aus nicht ganz einwandfreier chinesischer Produktion in ihrer Hand. Sie lächelt.

«Wo gibt es denn bei euch am meisten Staub?»

Die Mutter wird bleich und beginnt zu schwitzen, der Vater nimmt ihre Hand. Rebecca aber weiss genau, wo der Staub in der Wohnung zu finden ist. Schnell ist sie mit einem Staub-Blitz ausgerüstet und macht sich unter dem Buffet und hinter dem Sofa auf die Staubjagd. Die Mutter lässt sich in einen Sessel fallen und schaut den Vater bittend an, der Vater holt sein Portemonnaie und kauft mir gleich fünf Stück ab, weil es dann noch einen weiteren Staub-Blitz gratis dazu gibt.

«Für Bischofszell ist das gar nicht schlecht», sagt Frau Hugentobler draussen auf der Gasse. «Den Test haben Sie bestanden, Herr Florian. Das Geld behalte ich. Dann sind auch meine Unkosten gedeckt.»

Um zwanzig nach drei erreichen wir St. Gallen. Schäferhund Drago liegt nun schwer auf meinen Oberschenkeln. Nach einigen Umwegen und Staus hält Frau Hugentobler kurz vor vier im Halteverbot in der Nähe der Messehallen. «Warten Sie, ich bin gleich zurück.»

Eine Wirtschaftslektion

Es riecht nach Kebab, Lebkuchen und Magenbrot. Hier zwischen den Messeständen würde ich gerne mit Mina bummeln. Doch meine Freundin wurde entführt, morgen muss ich etwas liefern, um sie zu retten, ausserdem schulde ich den Inkassohaien von Rosario Caporese 6300 Franken. Wie ich das alles schaffen soll, weiss ich selber noch nicht.

«Was ist? Hier kommst du nicht durch», brummt der bullige Security beim Haupteingang und schaut mich misstrauisch von Kopf bis Fuss an.

Den Spruch habe ich schon einmal gehört. «Kennen wir uns nicht von irgendwoher?»

Sein Gesicht wird noch finsterer. «Stählibuckturm, Frauenfeld. Vorgestern. Das Himmelfahrtskommando. Erst tauchten diese Rocker auf und vermöbelten mich, dann bekam ich noch eine Ladung Pfefferspray der grünen Demonstrantinnen ins Gesicht, und am Ende schleppte mich die Polizei mit auf den Posten.»

«Nimm es sportlich», sage ich und klopfe ihm auf die Schulter, «man kann nicht immer Glück haben.»

«Nix sportlich.» Er macht sich breit. «Hier kommst du einfach nicht rein. Verstanden?»

«Gibt es Probleme, Herr Stauber?» Renner zeigt dem Sicherheitsmann sein Lächeln und steckt ihm eine Fünfzigernote zu. Dann nimmt er mich am Arm und führt mich aufs Olma-Gelände. «War das eben Korruption? Ich dachte, so was gibt es nur bei unseren südlichen Nachbarn.»

«In der Wirtschaft ist alles ein Geben und Nehmen. Ausserdem kann man viel von anderen Kulturen lernen.» Mit grossen Schritten geht es beim Säulirennen vorbei. Gerne würde ich einen Moment stehen bleiben, doch Renner macht seinem Namen alle Ehre. «Kommen Sie, wir haben wenig Zeit.»

Mein Stand ist ein Mini-Tischchen in einer Ecke des Thurgauer Pavillons. «Das muss reichen, Herr Stauber. Mehr war einfach nicht möglich.» Bevor ich etwas sagen kann, überreicht er mir eine Plakette, die mich als Aussteller ausweist. «Bis später», ruft er und verschwindet in einer Menschentraube, die sich um zwei Promis gebildet hat. Nun gilt es ernst.

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