Binjam. Hassan. Mustafa. Und alle anderen.

Flüchtlinge lernen Deutsch

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Anfang letzten Jahres fing ich* in der Lernwerkstatt der Thurgauer Flüchtlingshilfe in Kreuzlingen an, Deutsch zu unterrichten. Ich war, – auch weil ich über die nötige Zeit verfügte – der Ansicht, die Zivilgesellschaft müsse sich in der Flüchtlingsfrage engagieren.

Nun sass ich einmal wöchentlich in den Räumlichkeiten bei den Bahngleisen nahe der Grenze, die aus einem PC-Raum, einem Spielzimmer für Kinder und Mütter und einem grossen Café bestehen. Ich versuchte, Kleingruppen von jungen Männern aus Somalia, Afghanistan und Eritrea Deutsch beizubringen. Ich habe in früheren Jahren auf Gymnasial- und Hochschulstufe unterrichtet, auch ein paar Jahre in einem Industrieort unweit der Schweizer Grenze eine Schreibwerkstatt geleitet, in der es weder Gymnasiasten noch Studenten oder Akademiker gab.

Jetzt arbeitete ich mit bunten Kärtchen, auf denen Gegenstände abgebildet waren, mit Lehrmaterial, das häufig aus Deutschland stammte, also nicht immer geeignet war und das wir uns selber aus dem Internet luden, oder den Lehrbüchern, die die Schüler aus ihren Gemeinden mitbrachten, wo sie mit Glück zwei Stunden pro Woche unterrichtet werden.

Die Gemeinden zahlen, also bestimmen sie. Da gab es zum Beispiel in einem Lehrbuch für Fremdsprachige eine Geschichte von drei Jugendlichen, die ein Wochenende in London verbringen, vom trendigen East End über Covent Garden bis St. Paul’s. Wenig hilfreich für Jugendliche, die kaum wissen, wo London oder Berlin liegen – und vielleicht nach Khartum oder Tripolis als erste Grossstadt in ihrem Leben Zürich gesehen haben.

Die jungen Asylbewerber kleiden sich zwar wie die unseren, haben Smartphone und Whats­app. Aber die kulturellen Gräben sind abgrundtief durch Sitten, Sprache, Gesellschaftsstruktur und kulturelle Kenntnisse. Sie wissen nicht, wohin der Rhein fliesst, wo Syrien auf der Landkarte zu finden ist und Asien beginnt. Sie kennen die Geschichte ihrer Herkunftsregionen so gut wie nicht. Sie haben keine Ahnung von Syntax und Semantik. Ich kenne ihre semitischen Sprachen nicht, auch nicht deren Schrift. Arabisch oder Tigrinya, wie es in Eritrea gesprochen wird, sind mir fremd.

Die Asylsuchenden haben eine lange, gefährliche und teure Reise zu uns hinter sich, und ein Teil erwartet den Rest nun von uns. Ein grundlegendes Missverständnis. Wir haben nicht auf sie gewartet, und manche glauben, hier flössen Milch und Honig. Dabei fliesst nur der Verkehr schneller, der Alltag ist durchstrukturiert und vom kapitalistischen Arbeitstakt bestimmt. Sie haben auch keine Kenntnis von diesem Alltag, haben jenseits ihrer Smartphones keine Ahnung von der Digitalisierung, von Arbeitsteilung, den mittlerweile neuen Berufen, kennen aber auch die traditionellen Berufe wie Pfleger, Verkäufer, Plättlileger oder Chauffeur nicht wirklich. Alle möchten am liebsten Automechaniker werden, ein Beruf, der durch den Mechatroniker ersetzt worden ist, für den man also Informatikkenntnisse benötigt.

Und natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen den Herkunftsländern. Afghanen, so scheint es mir, lernen schneller Deutsch als etwa Somalier oder Eritreer – die drei Nationalitäten bilden den Hauptteil unserer Unterrichts-Klientel. Aber auch mit der Mathematik und den Grundlagen von Geometrie, die Voraussetzungen für eine Anlehre oder gar Lehre, stehen viele auf Kriegsfuss.

Nicht vergessen darf man, dass viele von ihnen wegen ihrer in der Regel lange und strapaziöse Reise nach Europa unter somatischen oder psychosomatischen Störungen leiden, deren Ursache ihnen oft gar nicht bewusst ist. Und sie müssen mit dem zum Teil gewaltigen Erwartungsdruck fertig werden, der von daheim auf ihnen lastet. Die Familie, der Clan, hat sich oft hoch verschuldet, um das Geld für die Flucht zusammenzubringen, und erwartet nun, dass die, die sich auf den Weg gemacht haben, bei uns ihren Weg machen, ohne sich vorstellen zu können, welch ungeheure Anstrengung das für diese bedeutet.

Und: Es kommen schon längst nicht mehr nur Flüchtlinge aus Kriegsgebieten in die Schweiz. Es kommen vor allem junge Männer aus Eritrea, Äthiopien, Somalia – wo teils Bürgerkrieg, teils Dürre und Hunger herrschen. Sie kommen aus Afghanistan und Syrien. Sie kommen, weil sie daheim keine Perspektive für menschenwürdiges Leben haben.

Und sie werden weiter nach Europa kommen, trotz zeitweise blockierter Land- und Seewege. So sieht die Wirklichkeit aus.

* Der Schriftsteller und Lyriker Jochen Kelter (71) lebt in Ermatingen.