Bienen sammelten Antibiotika

Zum ersten Mal wurde dieses Jahr der Einsatz des Antibiotikums Streptomycin gegen die Obstseuche Feuerbrand bewilligt. Im Thurgau war der Entscheid willkommen. Hier hatte der Feuerbrand 2007 am heftigsten gewütet. 50 Hektaren Niederstammkulturen und 7500 Hochstämmer mussten gerodet werden.

Kaspar Enz
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Biene bei der Arbeit: 3,2 Tonnen Thurgauer Honig müssen wegen zu hohen Streptomycingehalts vernichtet werden. (Archivbild: Reto Martin)

Biene bei der Arbeit: 3,2 Tonnen Thurgauer Honig müssen wegen zu hohen Streptomycingehalts vernichtet werden. (Archivbild: Reto Martin)

Zum ersten Mal wurde dieses Jahr der Einsatz des Antibiotikums Streptomycin gegen die Obstseuche Feuerbrand bewilligt. Im Thurgau war der Entscheid willkommen. Hier hatte der Feuerbrand 2007 am heftigsten gewütet. 50 Hektaren Niederstammkulturen und 7500 Hochstämmer mussten gerodet werden. So spritzten die Thurgauer Obstbauern das Streptomycin auch am häufigsten. Während sich das Antibiotikum auf den Apfelbäumen abbaut, kann es aber im Honig Rückstände hinterlassen.

Mostindien ist Bienenland

Knapp 3,4 Tonnen Schweizer Honig kommen nicht in den Verkauf und sollen vernichtet werden, weil sie in ihren Proben mehr als 0,1 Milligramm Streptomycin pro Kilo gefunden wurde. Das ist rund ein Promille der jährlichen Honigproduktion. Knapp 3,2 Tonnen sowie 47 der 50 Proben des kontaminierten Honigs stammen aus dem Thurgau.

Hans Stettler leitete für das kantonale Landwirtschaftsamt die Kontrolle des Honigs. «Wir haben europaweit die höchste Dichte von Obstbau und Imkern», begründet der pensionierte Chef des Landwirtschaftsamtes die Häufung. Vor allem im Oberthurgau stehen die Obstanlagen eng zusammen. Den Bienen bleiben zum Sammeln des Nektars oft nur die Blüten von Äpfeln oder Kirschen. Alternativen wie Ackerpflanzen oder Löwenzahn sind rar. Stettler ist so nur wenig überrascht über die Anzahl der Fälle aus dem Thurgau – von der betroffenen Honigmenge schon eher.

Thurgauer spritzten konsequent

Auch für Werner Hanselmann, Präsident des Verbandes Thurgauer Bienenzuchtvereine, kommt die Nachricht nicht unerwartet. «Im Thurgau war der Feuerbrand letztes Jahr verheerend», sagt er. Die in ihrer Existenz bedrohten Obstbauern hätten deshalb konsequenter gespritzt als andere. «Ich weiss von vielen Bauern in St. Gallen oder Bern, die nicht immer spritzten, wenn sie durften.» Rund 80 Tonnen Honig seien im Thurgau dieses Jahr produziert worden. Die 3,2 Tonnen seien im Verhältnis keine allzu grosse Menge. Zum Einsatz des Antibiotikums auch im nächsten Jahr müsse man wohl ja sagen, sagt Hanselmann weiter. Das könne man auch, wenn weiterhin nur ausserhalb der Flugzeiten gespritzt würde und die Imker für den Honig entschädigt würden.

Riesiger Erfolg

Der Einsatz des Streptomycins sei «ein riesiger Erfolg» gewesen, sagt Hans Stettler. Die Obstbauern würden diesen wieder fordern. Er könne sich aber vorstellen, dass man die Regeln etwas verfeinere. Statt sich nur an die Flugzeiten zu halten, könnten die Bauern ja erst nachschauen, ob sich in den Obstanlagen noch Bienen aufhielten, schlägt er vor. Er geht davon aus, dass der Bund den Einsatz auch für nächstes Jahr bewilligt.

Beim Bundesamt für Landwirtschaft prüft man zurzeit die Erfahrungen aus dem ersten Jahr. Wenn notwendig, müsse man zusätzliche Auflagen machen, sagt Olivier Felix, Leiter des Fachbereichs Pflanzenschutzmittel. Noch gebe es keinen Entscheid für die Anwendung im nächsten Jahr.

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