BICHELSEE: Der Bienenkönig

Samuel Aebersold ist Imker aus Leidenschaft. In der Steig pflegt der 70-Jährige seine Bienenvölker. Die hat er, zusammen mit dem umfangreichen Wissen über die fleissigen Insekten, von seinem Vater geerbt.

Jörg Rothweiler
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Samuel Aebersold vor dem Bienenhaus, das sein Vater einst unweit des Hofes errichtete. (Bilder: Jörg Rothweiler)

Samuel Aebersold vor dem Bienenhaus, das sein Vater einst unweit des Hofes errichtete. (Bilder: Jörg Rothweiler)

Jörg Rothweiler

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch

Samuel «Sämi» Aebersold hat immer ein Summen in den Ohren. Und solange er dieses hört, ist seine Welt in Ordnung. Denn wenn es summt, sammeln seine Bienen fleissig Pollen und Nektar auf den Blumenwiesen rund um den kleinen Hof, auf dem er lebt. Dieser liegt auf rund 750 Metern über Meer, in Hinter-Sattellegi, und ist seit rund 100 Jahren im Familienbesitz. «Mein Grossvater kam zur Zeit des Ersten Weltkrieges aus dem Bernbiet in den Thurgau», erzählt Samuel Aebersold. «Hier, an den Hängen südlich von Bichelsee-Balterswil, lebte er mit seiner Frau, drei Söhnen und einer Tochter von den bescheidenen Erträgen, die der Hof abwarf.» Samuel Aebersolds Vater wurde vom Grossvater zum Nachfolger bestimmt. Aebersold selbst betreibt den Hof also bereits in dritter Generation.

Bienen statt Landwirtschaftsmaschinen

Was Aebersolds Vater vielen anderen Landwirten der Region immer voraushatte, waren die Bienenvölker, die im selbst erbauten Bienenhaus unweit des Hofes lebten. «Bereits der Grossvater, aber auch der Vater hatten viele Obstbäume gepflanzt. Vor allem Kirsch- und Zwetschgenbäume. Deren Früchte verkauften wir Kinder im Tal», erinnert sich Aebersold. «Die Bienen waren meinem Vater lieb und teuer – denn sie sorgten dafür, dass die Blüten bestäubt wurden und zu Früchten heranreiften.»

Die Hingabe zu den Bienen übertrug sich vom Vater auf den Sohn. Die Liebe zu Viehwirtschaft und Ackerbau eher weniger. Viel lieber als aufs Feld, zur Obsternte, zum Markt oder in den Stall sei er zu den Bienen gegangen: «Die gelb-schwarzen Workaholics faszinieren mich bis heute. Ihre Ordnung, das System des Miteinanders, in dem jedes Tier seinen wohldefinierten Platz einnimmt und seinen klar umrissenen Beitrag zum Ganzen leistet, ist unvergleichlich. Zudem wusste mein Vater alles, was es über Bienen zu wissen gibt – und teilte dieses Wissen stets gerne mit mir.»

Ende der 1970er-Jahre, Aebersold hatte einige Jahre zuvor geheiratet und lebte nun in Sirnach, starben innert Jahresfrist der Vater und die Mutter. «Für mich stand fest, dass ich zurück auf den väterlichen Hof ziehen und dort leben würde», erzählt er. «Das Vieh hatte mein Vater zwar schon Jahre zuvor verkauft, die Obstbäume waren alt, die Felder verpachtet. Doch mir war das recht. So konnte ich mich dem widmen, was mich schon als Kind begeisterte: den Bienen.» Aebersold absolvierte einen Imkerkurs, las Bücher, hielt sich durch den Austausch mit Imkerkollegen und der Lektüre von Fachzeitschriften auf dem Laufenden. Zusätzlich zum Bienenhaus des Vaters mietete er ein weiteres beim Nachbarhof zu und errichtete später noch ein drittes, oben am Berg. In der «Blütezeit» seines Imkerdaseins hegte Aebersold bis zu 20 Völker, mit denen er durch dick und dünn ging.

Varroamilben, Pestizide und nun die asiatische Hornisse

«Als Mitte der 1980er-Jahre die Varroamilbe eingeschleppt wurde, begannen auch für mich die Probleme», erzählt er. Immer wieder gingen Völker verloren, und Aebersold musste lernen, die Parasiten durch periodische Reduktion der Drohnenbrut im Frühjahr und eine zweimalige Behandlung der Völker mit organischen Säuren oder ätherischen Ölen im Sommer und Herbst in Schach zu halten. «Die Imkerei ist nicht einfacher geworden die letzten 50 Jahre», seufzt er. «Das Wetter schlägt die wildesten Kapriolen, die Varroamilbe setzt den Völkern zu, und kürzlich, Mitte April, wurde im jurassischen Fregiécourt die erste Königin der asiatischen Hornisse gefangen. Die frisst Bienen, kann ganze Völker zerstören.» Ebenfalls negativ auf die Bienenvölker wirken sich Pestizide und Umweltgifte sowie die stark veränderten Kulturlandschaften aus.

«Jetzt im Sommer, da die Frühjahrsblüte vorbei ist, finden Bienen vielerorts nur noch wenig Pollen und Nektar. Zu viele Wiesen sind mit schnell wachsenden Gräsern bepflanzt, zu viele Heckensträucher wie Brombeere, Weiss- und Schwarzdorn gerodet worden. Es gibt kaum noch Blumenwiesen – und in den durchgestylten, möglichst pflegeleichten Gärten haben Bienen schon lange kein Zuhause mehr», klagt er. Dabei dauert es nach der Frühlingsblüte einige Wochen, ehe die Tannen respektive die dort an den neuen Trieben saugenden Läuse den Bienen genug Futter spenden, um den Waldhonig eintragen zu können.

Andrerseits aber standen jüngst gleich zwei Höhepunkte des Imkerjahres an: Der Frühlingshonig konnte geerntet werden und am 21. Juni begann, wie jedes Jahr, das neue «Bienenjahr». «Ab der Sommersonnenwende beginnen die Königinnen Eier zu legen, aus denen Winterbienen schlüpfen. Bis zum Herbst wächst deren Anteil in der Brut kontinuierlich, bis ab etwa August nur noch Winterbienen schlüpfen. Diese leben, im Gegensatz zu Sommerbienen, nicht nur drei bis vier Wochen, sondern bis zu sechs Monate. Wie das funktioniert, ist übrigens bis heute nicht geklärt», sagt Samuel Aebersold.

Die Frühlingshonigernte fiel dieses Jahr bei ihm wie bei den meisten Ostschweizer Imkern bescheiden aus. «Im Frühjahr wurde es zwar extrem früh warm. Doch es war zu trocken. Dann kam mitten in der Obstblütezeit ein markanter Wintereinbruch, gefolgt von Kälte, extremer Hitze und dann wieder viel Nässe. Daher wird die Ausbeute eher mager sein», sagt Aebersold.

Die Bienen als wichtige Konstante im Leben

Wenigstens muss er, im Gegensatz zu Berufsimkern, nicht vom Honigertrag leben. Für ihn ist die Imkerei vielmehr lebenslange Leidenschaft, die Fortführung einer familiären Tradition. «Wenn es in den Blumenwiesen rund ums Haus summt und brummt, bin ich glücklich», sagt er. Und darum blieb er bis heute auch seinen Bienen immer treu – anders als seine Frau, die ihm und dem Hof vor Jahren den Rücken kehrte. «Es war ihr wohl einfach zu einsam hier oben. Obwohl wir immer von Zigtausenden summenden Nachbarn umgeben waren», sagt Aebersold und lächelt verschmitzt.