Bewegte Bilder zum geschriebenen Wort

Bücherladen Marianne Sax goes Social Media

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Buchhändlerin Marianne Sax stellt das Buch vor, während Sohn Rémy Sax sie mit einem Smartphone aufnimmt. (Bild: Reto Martin)

Buchhändlerin Marianne Sax stellt das Buch vor, während Sohn Rémy Sax sie mit einem Smartphone aufnimmt. (Bild: Reto Martin)

Hinten lebt die Vorstadt, Autos und Passanten ziehen vorbei. Vorne stehen Blumen auf dem Beistelltisch. Dazwischen sitzt Marianne Sax auf einem schwarzen Canapé. Die Blumen standen vor drei Minuten noch nicht hier. Auch die Frauenfelder Buchhändlerin hat eben erst Platz genommen. «Isch guet?» Sohn Rémy Sax, der auch im Bücherladen Marianne Sax arbeitet, hält mit einem Smartphone auf seine Mutter. Sie beginnt zu erzählen. Über das Erstlingswerk des Reiseschriftstellers Michael Hugentobler «Louis oder der Ritt auf der Schildkröte». Über die Geschichte des Reiseschriftstellers Louis de Montesanto, der 1849 in einem Bergdorf geboren wurde und eigentlich Hochstapler von Beruf ist. Rémy Sax filmt, Marianne Sax redet ohne Unterbruch. Sie kennt das Buch.

«Chasch es nomol mache?», meint Rémy Sax. Das kann sie. Erzählt, wie man eine Riesenschildkröte reitet, nämlich indem man dem Tier mit der grossen Zehe leicht aufs Auge drückt und so die Richtung vorgibt. Die Geschichte des Abenteurers sei furios, sagt Marianne Sax in die Smartphone-Videokamera. «Viel Vergnügen.» 46 Sekunden dauert der Film, den die Buchhändlerin Minuten später auf Insta-gram hochlädt.

Bisweilen haben Kalauer eine gewisse Gültigkeit. Zum Beispiel: «Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.» Marianne Sax geht mit der Zeit. Ihre Buchhandlung hat vor zweieinhalb Jahren ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Auf ihrer Webseite veröffentlicht Sax schon seit längerem regelmässig kurze Buchempfehlungen. Diese erscheinen auf ihrem Facebook-Profil und auch im wöchentlichen Newsletter, der per Mail verschickt wird. Es gebe Leute, die warteten jeden Samstag sehnlichst auf den Versand, erzählt sie verwundert –weil es für sie nicht Arbeit bedeutet, ein Buch zu lesen und danach ein paar Zeilen darüber zu schreiben. Noch grösseres Erstaunen bringt sie auf, dass bis zu hundert Personen ihre Video-Buchempfehlungen, «diese lustigen Filmli», schauen. Mit diesen Videobeiträgen hat Marianne Sax vergangenen Dezember angefangen. «Der erste Satz zum dritten Advent», aus Walt Whitmans «Das abenteuerliche Leben des Jack Engle» war die Premiere. «Man überlegt sich halt, was man in den sozialen Medien machen kann», sagt die Buchhändlerin. Seither ist ein halbes Dutzend Filmli dazugekommen. Für einen anderen ersten Satz ist auch Sohn Rémy vor der Kamera gestanden. Das kürzeste Video dauert 13 Sekunden, der längste Beitrag hat eine Länge von 59 Sekunden.

Die Bücher für ihre Textkritiken und Videoempfehlungen wählt sie spontan aus. In der inspirierenden Umgebung ihres Bücherladens falle ihr das leicht. Voraussetzung ist, dass sie die Empfehlung selber schon gelesen hat. Bisweilen verkaufe sich ein Buch danach besser. Aber gleich oft stellt sie keine merklichen Auswirkungen auf die Verkaufszahlen fest. Wenn man wüsste, was zum Bestseller werde, würde man wohl nur noch das verkaufen. Und das wäre letztlich bedauerlich.

«Man muss Social Media nutzen, so gut man kann.» Solche Plattformen seien für ein Unternehmen gute Marketinginstrumente, ist Marianne Sax der Meinung. Im privaten Umgang mit neuen Medien ist sie zurückhaltender. «Auf Facebook zum Beispiel sollte man nur das posten, was man auch auf ein Leintuch schreiben würde, das man danach aus dem Fenster hängt.»

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

facebook.com/marianne.sax7 und instagram.com/saxbooks