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BEURTEILUNG: Ärger mit neuen Schulzeugnissen

Seit diesem Schuljahr gibt es im Thurgau neue Zeugnisse. Sie sind an den Lehrplan 21 angepasst. Darin gibt es keine ­mündlichen Noten mehr und nicht alle Schulen müssen die Fächer gleich aufteilen. Lehrer und Politiker wehren sich.
Larissa Flammer
Sekundarschüler erhalten im Januar das erste Mal das angepasste Zeugnis, Primarschüler im Juli. (Bild: Reto Martin)

Sekundarschüler erhalten im Januar das erste Mal das angepasste Zeugnis, Primarschüler im Juli. (Bild: Reto Martin)

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Die nervöse Anspannung am letzten Schultag des Semesters, das Kribbeln im Bauch – bis man die Zeugnisnoten endlich in Händen hält. Nur: in diesem Schuljahr dauert es vielleicht etwas länger, bis man den Sinn des Geschriebenen erfasst. Mit dem neuen Lehrplan Volksschule Thurgau hat der Kanton diesen Sommer auch neue Zeugnisformulare eingeführt. Die wesentlichen Änderungen auf Sekundarstufe I sind in der Tabelle unten dargestellt. Der Hauptunterschied liegt darin, dass es keine mündlichen Noten mehr gibt.

«Wir sind aus allen Wolken gefallen, als in den Sommerferien das Mail vom Kanton gekommen ist», sagt Anne Varenne, Präsidentin von Bildung Thurgau. Die Berufsorganisation der Thurgauer Lehrerinnen und Lehrer war davon ausgegangen, dass die Neuerungen erst in einem Schulversuch getestet werden. So habe es der Regierungsrat aufgrund der Rückmeldungen in der Vernehmlassung entschieden. An den Jahrestagungen der Lehrer im Herbst hat sich Beat Brüllmann, Chef des Amts für Volksschule, für die misslungene Kommunikation entschuldigt und versucht, alle Fragen zu klären. «Das haben wir sehr geschätzt», sagt Varenne.

Den Schulversuch gibt es trotzdem. Bis im Winter 2019 testen 80 Lehrpersonen im Kanton unter anderem Kompetenzprofile, die den Zeugnisnoten beigelegt werden sollen. Bildung Thurgau ist in den Schulversuch mit einbezogen und wird danach auch an der Analyse beteiligt sein. Die neu geschaffene Regelung ist also eine Übergangslösung. Im Sommer 2021 wird eine neue kantonale Beurteilungsgrundlage eingeführt.

Politik schaut während der ­Erarbeitung genau hin

Nach den Sommerferien sind die Irritationen über die neuen Zeugnisse «sehr geballt» aufgetreten. Die Präsidentin von Bildung Thurgau sagt: «An den Elternabenden mussten die Lehrpersonen über die Neuerungen informieren, wussten aber selber nicht genau, wie diese umgesetzt werden.» Ihr erster Kritikpunkt betrifft die Einschätzungsskala für die 1. und 2. Klasse. Anstelle von Noten hiess es dort bisher: «Lernziele sehr gut erreicht», «gut erreicht», «erreicht» oder «nicht erreicht». Neu gibt es nur noch drei Abstufungen. «Wir haben uns vehement dagegen gewehrt. So werden die meisten Schülerinnen und Schüler in der Mitte eingestuft», sagt Varenne. Da es trotzdem so eingeführt wurde, fühlen sich die Lehrer nicht ernst genommen.

Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die fehlenden mündlichen Noten in den Sprachen. «Für gewisse Berufsgruppen sind diese wichtig.» Bildung Thurgau äussert zudem Bedenken zur Zusammensetzung der neuen Gesamtnote. Da mündliche Noten aufwendiger zu erheben sind, kann eine Gesamtnote dazu verführen, nur noch schriftliche Leistungen zu bewerten.

Der dritte Kritikpunkt zielt auf die Möglichkeit der Schulgemeinden, auf Sekundarstufe I in Eigenregie Sammelnoten zu setzen. Physik, Chemie und Biologie können zu «Natur und Technik» zusammengefasst werden, Geografie und Geschichte zu «Räume, Zeiten, Gesellschaften» und Bildnerisches, Textiles sowie Technisches Gestalten zu «Gestalten». Ein Schreinermeister kann sich also nicht sicher sein, dass sein Lehrling gut mit Holz umgehen können wird, nur weil er im Fach Gestalten die Note 5,5 hatte. Diese könnte mit guten Leistungen im Zeichnen oder Nähen zustande gekommen sein. «Wir wollen, dass die Zeugnisse im ganzen Kanton gleich aufgebaut sind», betont Anne Varenne.

Aufgrund der Kritik hat das Amt für Volksschule im September bereits eine Anpassung an den Zeugnissen vorgenommen. Eigentlich hätte die Note für Geometrie wegfallen sollen. Das Amt schrieb in einer Mitteilung: «Im Hinblick auf die Lehrstellensuche können differenzierte Aussagen über die Leistungen in Geometrie von Bedeutung sein.» Auf Sekundarstufe I ist dieses Fach also wieder im Zeugnis vertreten.

Beat Brüllmann erklärt: «Mündliche und schriftliche Noten sind nicht mehr kompatibel mit dem neuen Lehrplan.» Dieser sehe die Beurteilung mit Gesamtnoten vor, welche nach dem Schulversuch allenfalls mit Kompetenzen ergänzt werden können. Bis dahin können die Noten in der Spalte «Bemerkung» differenziert werden. Vier Jahre nach der Einführung des Lehrplans will der Kanton ein Zeugnis haben, das alle mittragen. «Wir fragen auch, was das Gewerbe braucht.» Angestrebt wird ein kantonsweit einheitliches Zeugnis, auch wenn dem in der Übergangsphase nicht so ist.

«Thurgauer Schulzeugnisse – aussagekräftig und vergleichbar?» Diese Frage stellen sich auch sechs Kantonsräte aus SVP, GP, FDP, CVP und SP. Sie bitten den Regierungsrat in einer Interpellation um Antworten zu den Sammelnoten und der Vergleichbarkeit der Zeugnisse. Brüllmann sagt: «Diese Interpellation ist eine Chance für uns.» So hören die Verantwortlichen bereits während der Erarbeitungsphase, was die Politik dazu sagt. «Damit gibt es eine Lösung, die politisch auch tragfähig ist.» Eine, die nicht erst nach Inkrafttreten durch Vorstösse wieder geändert werden muss.

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