BETREUUNG: Kranke Kinder fordern die Unternehmen

Ist ein Kind krank, kann die Mutter oder der Vater – gegen Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses – bis zu drei Tage der Arbeit fernbleiben. Eine Umfrage bei acht grossen Arbeitgebern im Thurgau zeigt, dass es auch individuelle Lösungen gibt.

Claudia Schumm
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Wenn Kinder krank sind, kriegen Eltern drei Tage frei, um sie gesund zu pflegen. (Archivbild: Nana do Carmo)

Wenn Kinder krank sind, kriegen Eltern drei Tage frei, um sie gesund zu pflegen. (Archivbild: Nana do Carmo)

Schnupfen, Husten, Magen-Darm-Infekte, Grippe, Mittelohrentzündung: Kinder sind immer wieder mal krank, speziell in der kalten Jahreszeit. «Es gibt Kinder, die sich über den Winter sogar alle zwei bis drei Wochen immer wieder neu anstecken», sagt Kinderarzt Carsten Peters aus Frauenfeld. «Ab dem vierten Lebensjahr sind die Infekte meistens rückläufig.»

Antonella Bizzini, Juristin, Leiterin Infostelle Frau und Arbeit in Weinfelden (Bild: PD)

Antonella Bizzini, Juristin, Leiterin Infostelle Frau und Arbeit in Weinfelden (Bild: PD)

Drei Tage pro Erkrankung frei für die Eltern

Für Eltern, die beide erwerbstätig sind, aber auch für alleinerziehende Mütter oder Väter kann es zu einem echten Problem werden, wenn ihre Kinder wegen einer Grippe oder eines Magen-Darm-Infekts nicht in die Krippe, den Kindergarten oder zur Schule gehen können. Wer in einem solchen Fall auf die Hilfe der Grosseltern oder einer Nachbarin zählen darf, hat Glück. Aber längst nicht alle haben eine geeignete Bezugsperson in ihrer Nähe – dann bleibt den Vätern oder Müttern nichts anderes übrig, als sich beim Arbeitgeber abzumelden und selber beim kranken Kind zu bleiben. Doch wie lange ist dies ohne Lohneinbussen möglich? «Gemäss Arbeitsgesetz grundsätzlich drei Tage pro Erkrankung», sagt Antonella Bizzini, Juristin und Leiterin der Infostelle Frau und Arbeit in Weinfelden. «Es wird angenommen, dass drei Tage genügen, um eine Betreuung zu organisieren. Gemäss Obligationenrecht kann die Mutter oder der Vater aber auch länger zu Hause bleiben, beispielsweise wenn niemand organisiert werden kann oder wenn das Kind so klein und so krank ist, dass die persönliche Anwesenheit eines Elternteils erforderlich ist.» Ob der Lohn dann bezahlt werden müsse, sei im Gesetz nicht klar geregelt und müsse von Fall zu Fall beurteilt werden, fügt Bizzini hinzu.

Dass ein Kind länger als drei Tage krank ist, beispielsweise wegen einer Bronchitis, ist keine Seltenheit. Wie aber regeln die Firmen solche Fälle mit den Mitarbeitern? Kommt es oft vor, dass sich Mütter oder Väter wegen ihrer kranken Kinder von der Arbeit abmelden müssen? Zehn grosse Arbeitgeber im Kanton Thurgau wurden diesbezüglich um Stellungnahme gebeten. Geantwortet haben acht: Die kantonale Verwaltung, Migros Ostschweiz, Coop, Aldi Suisse, Lidl Schweiz, die Thurgauer Kantonalbank, Bernina International und die Baumer Group.

Home Office je nach Tätigkeit unmöglich

Alle Arbeitgeber gaben an, dass sie Absenzen von Mitarbeitern aufgrund kranker Kinder verzeichnen. Die Migros Ostschweiz, die zu den drei befragten Unternehmen gehört, welche diese Abwesenheiten separat erfassen, nennt etwa 220 Tage pro Jahr. «Das sind nur sehr wenige Stunden, wenn man es in Relation zu unseren 9500 Mitarbeitenden setzt», sagt Andreas Bühler, Leiter Kommunikation der Migros Ostschweiz.

Bei Lidl Schweiz fehlen die Mitarbeiter durchschnittlich rund 1,2 Tage pro Jahr aufgrund von Krankheiten ihrer eigenen Kinder, und bei der Frauenfelder Baumer Group machen solche Absenzen etwa 0,1 Prozent aller Gesamtarbeitstage aus. Diese Angaben sind nicht miteinander vergleichbar, da die Anzahl der Frauen und Männer mit oder ohne Kinder jeweils unterschiedlich ist. Zudem macht es auch einen Unterschied, ob die Angestellten im Büro arbeiten und gegebenenfalls Home Office machen können, oder ob es sich um eine Tätigkeit handelt, die nur vor Ort ausgeführt werden kann.

Erfahrungsgemäss würden vor allem die erwerbstätigen Mütter bei den kranken Kindern bleiben, wenn geeignete Betreuungspersonen fehlen, sind sich die Befragten einig. «Der Anteil der Männer, welche diese Aufgabe übernehmen, wächst bei uns aber merklich», sagt Linus Lüthold, Amtsleiter Personal des Kantons Thurgau. Eine Entwicklung, die sich gemäss Matthias Fluri, Mediensprecher der Bernina, auch bei der Näh- und Stickmaschinenherstellerin aus Steckborn deutlich zeigt.

Gemeinsam Lösungen finden

Alle befragten Arbeitgeber suchen zusammen mit ihren Mitarbeitern nach individuellen Lösungen, wenn deren Kinder länger als drei Tage krank sind – sei es in Form von Abbau von Überzeit, Vereinbarung von Minusstunden, Bezug von Ferien, Nachholen der Arbeit bei einer Teilzeittätigkeit oder falls möglich Home Office. Die kantonale Verwaltung, die Migros Ostschweiz sowie die Thurgauer Kantonalbank sind überdies Mitglieder der Familienplattform Ostschweiz. Diese berät Arbeitgeber und deren Mitarbeitenden, wenn sie Fragen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben. Doch nicht alle erwerbstätigen Mütter und Väter können auf kulante Arbeitgeber zählen, die ihren Bedürfnissen als Eltern Rechnung tragen. «Ich habe schon Mütter in meinen Beratungen erlebt, die von ihren Arbeitgebern wegen ihren Fehlzeiten richtig unter Druck gesetzt wurden», sagt Antonella Bizzini. Gerade bei alleinerziehenden Müttern sei die Angst um ihren Arbeitsplatz gross, da sie in besonderem Masse auf ihre Arbeitsstelle angewiesen seien.

Männer sind auch Väter

Markus Theunert, Generalsekretär von männer.ch und Programmleiter von MenCare Schweiz, ist der Ansicht, dass ein Kulturwandel stattfinden muss. «In vielen Unternehmen werden die männlichen Mitarbeiter vorwiegend als Männer, nicht aber als Väter wahrgenommen», sagt Theunert. «Es muss normal werden, dass auch Männer Teilzeit arbeiten und zu Hause bei den kranken Kindern bleiben, denn eine Elternschaft geht Frau und Mann gemeinsam ein. Das heisst aber auch, dass die Väter Verantwortung übernehmen müssen und ihre Verpflichtungen als Eltern gegenüber dem Arbeitgeber durchsetzen. Das braucht leider immer noch Mut.»

Auch Antonella Bizzini erachtet es als wichtig, dass sich die Eltern in der Betreuung ihrer kranken Kinder abwechseln. «Wenn vermehrt auch die Väter Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufweisen, sinkt für die Mütter das Risiko, dass sie irgendwann entlassen oder gar nicht erst eingestellt werden.» Die Tatsache, dass Kinder für erwerbstätige Eltern – und insbesondere für erwerbstätige Mütter – zu einem «Risikofaktor» werden können, sei äusserst bedenklich, findet Bizzini. «Unser Nachwuchs ist eine wunderbare und für uns als Gesellschaft überlebenswichtige Normalität. Deshalb wünsche ich mir für alle Eltern, dass die Unternehmen die Kinder ihrer Mitarbeitenden als deren Beitrag zu einer gesunden Gesellschaft sehen – und die anfallenden Kosten aufgrund von Abwesenheiten als ihren finanziellen Beitrag dazu.»