Betonbauten Sorge tragen

«Stein und Beton» ist das Thema der 19. Tage des Denkmals vom kommenden Wochenende, 8. und 9. September. Betonbauten werden geliebt – und gehasst. Manch ein bedeutendes Gebäude ist in jüngster Zeit vernachlässigt worden.

René Hornung
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Das Einfamilienhaus in Frauenfeld wurde 1963 erstellt. (Bilder: Ralph Ribi/Hochbauamt Thurgau)

Das Einfamilienhaus in Frauenfeld wurde 1963 erstellt. (Bilder: Ralph Ribi/Hochbauamt Thurgau)

«Im Verzeichnis der schützenswerten Bauten fehlen noch sehr viele wichtige Betonbauten – da ist der Handlungsbedarf gross», sagte Regula Keller von der Denkmalpflege des Kantons St. Gallen an der jüngsten Veranstaltung des Architekturforums Ostschweiz. Es gebe viele Brücken, Kirchen oder technische Gebäude der Bahn, die als Betonbauten weitherum geschätzt werden. Aber es gebe eben auch wichtige Wohn- und Bürogebäude, die kaum Freunde haben.

Und mitunter verschwinden so Zeitzeugen, ohne dass die Denkmalpflege informiert wird, wie etwa die 1912 von Robert Maillart geplante Filterhalle des St. Galler Wasserwerks Riet in Goldach, die die Stadt vor zwei Jahren abbrechen liess.

Patina an Gebäuden erhalten?

Die Denkmalpflege hat das Problem erkannt und nimmt immer mehr auch im Alltag als «hässlich» verschriene Betongebäude in den Fokus. Beton wurde in der Ostschweiz seit den 1880er-Jahren zuerst für kleinere Bauten wie Brunnen und ab 1900 auch für grosse Gebäude verwendet. Diese Objekte kommen ins Alter. «Genauso wie man mit Holzbauten restauratorisch und vorsichtig umgeht, muss man auch Betonbauten behandeln», betonte Regula Keller. Und bei den Sanierungen stelle sich bei allen Objekten, egal aus welchem Material sie bestehen, die gleiche Frage: Wie viel Patina soll erhalten bleiben, wie neu soll der Bau nach der Renovation aussehen?

Tobias Hotz, Restaurator aus Weinfelden und Fachmann für Betonsanierungen, zeigte an verschiedenen Beispielen, wie Risse und Abplatzungen an Gebäuden und Kunstwerken aus Beton saniert werden können. Die Palette der Reparaturmöglichkeiten und der eingesetzten technische Hilfsmittel ist sehr breit. Technik und Chemie spielen eine zentrale Rolle. Hotz zeigte, dass Sichtbetonbauten und Betonkunstwerke besonders heikel sind und nur mit Mörtel repariert werden sollten, der in Farbe, Körnung, Porösität und Härte dem Original entspricht. Das brauche spezielle Mischungen.

Betonkrebs bekämpfen

Sind Betonbauten und Kunstwerke Wind und Wetter ausgesetzt, hinterlässt dies besonders auf dem «Kunststein» Spuren. Eindringende oder aufsteigende Feuchtigkeit verursachen Schäden: Risse und Abplatzungen, unter denen manchmal auch rostende Armierungseisen ans Licht kommen. Im Beton läuft auch ein langsamer chemischer Prozess ab. Man spricht von der Betonkrankheit – manchmal auch vom Betonkrebs. Fachtechnisch handelt es sich um die Alkali-Kieselsäure-Reaktion (AKR).

Um wichtige Bauzeugen zu schützen und zu erhalten, müssen Risse verschlossen und Abplatzungen repariert werden. Oft werden die Objekte dann wasserabstossend imprägniert – hydrophobiert, wie der Fachausdruck heisst. Eine Massnahme, die allerdings nach einigen Jahren wiederholt werden muss.

Schlechtes Beispiel Stadttheater

Der Umgang mit alternden Betonbauwerken ist sehr unterschiedlich. Zweckbauten wie Brücken werden meist «mit grobem Geschütz» saniert, wie Tobias Hotz feststellt. Es wird viel altes Material abgetragen und neu vorbetoniert. Bei Baudenkmälern empfiehlt er sanftere Methoden, weniger Hochdruckreinigung und sanfte Sandstrahlflächen. Die alten Betonwände der St. Galler Lokremise beispielsweise wurden innen mit gemahlenen Nussschalen statt mit Sand gereinigt und behielten so ihre Patina.

Keine Patina blieb dagegen an der Fassade des St. Galler Stadttheaters erhalten, eine Betonsanierung, die in Fachkreisen kritisiert wird, während die vergangenes Jahr abgeschlossene Renovation der Uni St. Gallen als subtile Erneuerung gelobt wird.

Restaurator Tobias Hotz sieht den Grund in verunglückten Renovationen im Mangel an Fachleuten. Er warb deshalb für die Handwerker-Ausbildung in Denkmalpflege. Und die Behörden nahm er ebenfalls in die Pflicht: Die Denkmalpfleger müssten Sanierungen intensiver begleiten und überwachen.

Die Wohnhochhäuser Achslen entwarf der St. Galler Architekt Heinrich Graf (1930–2010). (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Die Wohnhochhäuser Achslen entwarf der St. Galler Architekt Heinrich Graf (1930–2010). (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

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