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BESINNUNG: Ostern verpackt in Silberpapier

Vertreter der beiden Thurgauer Landeskirchen machen sich im Wechsel Gedanken zu einem hohen christlichen Feiertag. Den Anfang macht der katholische Pfarrer Erich Häring, der sich an prägende Erlebnisse in der Osterzeit erinnert.
Erich Häring
Verstreut auf einem Waldweg lagen die Schokoladeneier, eine lebendigere Erinnerung an die Eltern als deren Grab. (Bild: Reto Martin)

Verstreut auf einem Waldweg lagen die Schokoladeneier, eine lebendigere Erinnerung an die Eltern als deren Grab. (Bild: Reto Martin)

Erich Häring

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Vor mehr als fünfundsechzig Jahren. Noch im Kindergarten. Oder in der ersten Klasse. Kleine Schokoladeneier. Auf einem Waldweg. Unbemerkt von meinen Eltern hingestreut. Während des Sonntagsspaziergangs.

Zwei Sonntage vor Ostern, vielleicht war es auch am Palmsonntag. Eingepackt in leuchtendem, hellglänzendem Silberpapier. Es sind die schönsten Ostereier meines Lebens. Noch heute, über siebzig, träumt meine Zunge den Geschmack dieser Migros Schokolade. Frühe und erste Erinnerung eines Arbeiterkindes an Ostern.

Am liebsten die von Läderünglisprach

Gross, nein. Nicht nötig. Schokolade, ja. Gerne. Gute Schokolade. Am liebsten die von Läderüngli­sprach. Ein vor Jahren schon eingebürgerter Ritus. Dazu gehört, für mich, noch vor dem Palmsonntag, die Fahrt mit dem Thurbo nach St. Gallen. Die Schritte zum entsprechenden Geschäft. Die Auswahl eines kleinen Schoggihasen. Das sehr freundliche: «Darf es ein Geschenk sein?» mit dezenter Stimme einer gepflegten Verkäuferin.

Nicht leicht, bei so viel Einfühlung, «Nein, danke» zu sagen. Das vor Farben strotzende Osterhäschen zwinkert mir aus seinem hochqualifizierten, leicht grün getönten Nestchen aus sichtbarem Plastik – Qualitätsplastik – entgegen. Eine unüberbietbare Verpackung. An Ostern, bei schönem Wetter im Garten unserer Jungen, lässt das Häschen die Augen leuchten. Nur in kleinen Bissen wird die Schokolade geknabbert werden. Ich weiss das längst. Ostern, ein Genuss, der Mama von zwei Buben. Ganz allein für sie. Auch ihr Mann bekommt nichts davon.

Zugegeben, das sind die teuersten Plätze des Osterfestivals Lucerne. Im offiziellen Verkauf natürlich. Garderobe, Coiffeur, Pausengetränk und Hotel nicht inbegriffen. Immerhin wird der Schwerpunkt auf sakrale Musik gelegt. Künstler und Zuhörende sind dazu auch in Kirchenräume gebeten. «Wie könnte man sich schöner auf Ostern einstimmen als in Luzern?» – eine Frage der Website «lucernefestival.ch». Ostern in Musik verpackt. Ich neide es niemandem. 1967, in Salzburg. Die ersten Osterfestspiele Salzburg.

Ein paar günstige Karten für die Studentenschaft. Grosser Andrang. Berliner Philharmoniker, Karajan ... Eine Schweizerschokolade war ausschlaggebend, eines dieser Tickets zu bekommen. Am Dienstagabend in der Karwoche. Richard Wagners Walküre. 1967, ein Abend, der in meinem Leben viel ausgelöst hat. Vier Tage vor Ostern.

Seit Jahrhunderten stets neu verpackt

Ostern seit Jahrhunderten stets neu verpackt. Kein Grund für mich, diese Osterverpackungen zu bewerten. Weder als Theologe noch als Priester der römisch-katholischen Kirche.

Die Erinnerung an das Silberpapier der Schokolade-Eier im Wald bleibt mir eine lebendigere Erinnerung an meine Eltern als ihr Grab. Die leuchtenden blauen Augen der Mutter der beiden Buben beim Knabbern der Läderünglisprach-Schokolade beschleunigt jedes Mal meinen nicht mehr jungen Puls. Dass ich glaube auch einmal sterben zu können, weil mir ein Dienstag in der Karwoche 1967 die unzähligen Kontinente der Musik erschlossen hat, ist eine täglich wachsende Überzeugung. Damals noch «Arbeitslehrerinnen-Seminar», als Religionslehrer.

Nele, nicht ihr richtiger Name. «Wildkatze» nannte ich sie. Nele. Auffällig. Das ganze Programm. Bis zum Bauch, der sich immer mehr rundete. Nele. Blaue Augen. Immer gefährlich für mich. Die Hausaufgabe: Bringen Sie mir, ein A-3-Blatt, gestaltet mit dem Thema «Ostern». Abgabetermin: die 4. Lektion vor dem 4. Fastensonntag. Eine bösartige Provokation, schon 1979 kannte keine Entlebucherin und keine Dallenwilerin das Kalenderdatum des betreffenden Sonntags mehr. Bis auf Nele. Klar doch. Touché. Am betreffenden Termin eine kleine Ausstellung im Schulzimmer.

Bei Nele hing ein weisses Blatt. Allerdings: selbst geschöpftes Papier. Weiss. Weisser nicht mehr vorstellbar. Schweigen. Drei Minuten, fünf Minuten. Keine Äusserung. Dann Nele: Wer lange genug hinschaut, wird den Horizont sehen, an dem ein Grab den Himmel berührt. Aber aufgepasst, alle werden diesen Horizont an einem anderen Ort entdecken. Höher, tiefer, mehr links, mehr rechts. Typisch Nele.

Erich Häring, 72, ehemaliger Leiter des Pastoralraums Altnau, gewann 2017 als erster katholischer Pfarrer den Predigtpreis des Evangelischen Kirchen- bundes.

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