BERLINGEN: Er sucht sein Glück im Big Apple

Andreas Häberlin setzt seine musikalische Karriere in New York fort. Dort will er sich in der Filmmusik-Branche einen Namen machen. Und irgendwann zurückkehren.

Katrin Meier
Drucken
Teilen
Komponist Andreas Häberlin liebt es, an der Berlinger Orgel zu sitzen und zu spielen. (Bild: Katrin Meier)

Komponist Andreas Häberlin liebt es, an der Berlinger Orgel zu sitzen und zu spielen. (Bild: Katrin Meier)

BERLINGEN. Das Treffen mit Andreas Häberlin sollte an einem Ort in Berlingen stattfinden, der ihm besonders viel bedeutet. Der Förderpreisträger wählte dafür den Platz an der Kirchenorgel. «In dieser Kirche wurde ich getauft und konfirmiert, Pfarrer Schneider war für mich ein grosser Mann. Hier begleitete ich später als Organist Kirchenfeste. Diese Orgel bedeutet mir viel.» Das Treffen fand in den letzten Julitagen statt.

Der Berlinger war für zwei Wochen nach Hause zurückgekehrt, nachdem er die letzten Jahre im Ausland studiert und gearbeitet hatte. In Berlingen traf er Freunde und Familie. Und schlief viel. Es war eine Pause von einem strengen Jahr in Spanien: am «Berklee College of Music» in Valencia machte er einen Master-Abschluss in «Scoring for Film, Television and Video Games». Er schloss das Studium der Filmmusik mit der Höchstnote ab.

Mit dem «C» auf dem Klavier fing alles an

Das Kulturamt des Kantons Thurgau hatte dem Musiker im Mai den Förderpreis verliehen, 25 000 Franken. «Der Beitrag ist für mich eine Begleitung in die neue Karriere» – einer Karriere, die an einem Klavier in der Stube in der Ackergasse 9 in Berlingen begann. Auf Häberlins Website gibt es ein Foto von ihm als fünf Jahre alten Knirps, in einem roten Pyjama an dem Klavier sitzend. Seine Mutter Marlies hatte ihrem Sohn gezeigt, wo das «C» ist, und ihm das Notensystem erklärt. Der Bub fing an abzuzählen, Töne zu finden. Es packte ihn, er wollte mehr können.

Im Rückblick war dies der Start einer bisher beachtlichen Karriere: Nach Klavier- und Orgelstunden kam die Zürcher Hochschule der Künste mit einem Abschluss in Komposition und Musiktheorie. Zwei Jahre studierte Häberlin in Liverpool Populärmusik, dann rief das College in Valencia. So kam er zur Filmmusik. Und bei der Filmmusik sieht er seine Zukunft. Deshalb investiert Häberlin einen Teil des Förderbeitrages in seine Website haeberlinmusic.com, einen anderen Teil in neue Software. «Musikproduktion findet heute oft in der Box statt», sagt er. Auf seinem Laptop finden sich alle Programme, die er zum Komponieren braucht. «Bevor du einen Auftrag bekommst, will der Filmproduzent wissen, wie du klingst. Je besser es klingt, desto eher bekommst du den Auftrag.» Einen weiteren Teil des Förderbeitrages setzt er für die Teilnahme an Filmfestivals ein. Er schickt seine Musik ein, wird vielleicht nominiert, kann Kontakte knüpfen. «Da ich eher ein introvertierter Mensch bin, kostet mich das viel Energie. Aber das Wichtigste in dieser Branche ist es, Leute kennenzulernen. Wenn ich die Möglichkeit habe zu strahlen, dann versuche ich das.»

«Klar bin ich ehrgeizig», sagt Häberlin, «das finde ich wichtig. Ich bin ein Entdecker, ich brauche immer eine Herausforderung. Ich möchte meine Erfahrung auch weitergeben, aber ich muss auf etwas Erreichtes zurückschauen können.» Die Schweizer Filmmusikszene sei interessant, aber er sei auch Weltenbummler. So heisst das nächste Ziel New York. Seit Ende August wohnt Häberlin mit seiner Partnerin Liz Turner in Brooklyn. Von der Dachterrasse aus sieht er auf das neue World Trade Center. Im Tonstudio «Virtue and Vice» macht er ein Praktikum. Dessen Besitzer hatte schon mit Jon Bon Jovi, Norah Jones und Paul McCartney zu tun.

Andreas Häberlin hat sich bei einigen Filmfestivals und New-York-Workshop-Serien beworben. Bei einem davon war er Finalist unter mehreren hundert Teilnehmern, wurde aber nicht als Workshop-Teilnehmer ausgewählt. Dafür wird eine seiner Lieblingskompositionen «The Dragon Apprentice» am australischen «Colortape Film Festival», und dem kanadischen Film- und Musikfestival «Views of the World» gezeigt.

Eine Reise mit angekündigter Wiederkehr

«Das ist ein toller Erfolg, insbesondere weil diese Festivals Filmschaffenden aus aller Welt eine Plattform bieten», sagt er. «The Dragon Apprentice» hat er nicht nur komponiert, sondern auch selbst eingespielt. Dafür stand er zum ersten Mal als Dirigent vor einem Profi-Orchester. «Am Dirigentenpult zu stehen und alle Fäden zusammenzubringen, das ist bei aller harter Arbeit ein grossartiges Gefühl», sagt er.

Die Musik spielt im Leben des 29-Jährigen die unangefochtene zentrale Rolle. Nach dem Amerika-Start in New York könnte für Häberlin Los Angeles und seine blühende Filmindustrie die nächste Perle auf der Schnur sein. Trotz aller Möglichkeiten in den USA und mehr oder minder klar umrissenen Zielen sieht sich Häberlin in etwa zehn Jahren zurück in der Schweiz: als jemand, der zumindest Teilzeit an einer Hochschule unterrichtet. Eventuell als Familienvater.

Und möglicherweise als jemand, der Bücher schreibt. Zum Beispiel eines über Transkription: Ein Buch, das erklärt, wie man gehörte Musik als Noten niederschreibt. «Alle sagen, das sei wichtig, aber niemand erklärt dir, wies geht. Ich möchte aber kein Buch schreiben, um den Leuten zu sagen, was sie machen müssen. Ich will Zusammenhänge erklären und zu einem Level an Qualität kommen, an dem nicht zu zweifeln ist.»

In der Reihe «Berlinger Konzerte» ist Andreas Häberlin am 12. Februar 2017 in der Kirche Berlingen zu hören. Das Stück «The Dragon Apprentice» findet sich auf Youtube.