BERLINGEN: Allerletzte Heimat für die Russen

Ein Gedenkstein auf dem Berlinger Friedhof erinnert an die russischen Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg an den Untersee kamen. Legendär sind die ausschweifenden Beerdigungen.

Kathrin Meier
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Die Grabstelle mit Gedenktafel in Berlingen. (Bild: Kathrin Meier)

Die Grabstelle mit Gedenktafel in Berlingen. (Bild: Kathrin Meier)

BERLINGEN. Noch sind sie nicht ganz vergessen: die russischen Flüchtlinge, die einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlingen gebracht wurden. Ältere, strenggläubige Frauen und Männer waren es, die aus Weissrussland vor dem Kommunismus geflohen waren. Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) brachte sie nach Berlingen. Dort kamen sie im Neutal unter, dem damals noch jungen Alters- und Erholungsheim, das Anna und Friedrich Künzli 1950 eröffnet hatten.

Im Neutal daheim

Im Neutal machten sich die rüstigen unter den Russen nützlich. Silvia Künzli, Schwiegertochter des Neutal-Gründers, erinnert sich an eine Frau, die ein wenig Deutsch sprach und zwischen Russen und Schweizern für Verständigung sorgte. Ein Mann habe lange Jahre im Hausdienst geholfen. Später kamen weitere Flüchtlinge hinzu, vermittelt von anderen Hilfswerken, erinnert sich Silvia Künzli. Wenn ihr Mann René zurückdenkt an die Russen, sagt er: «Das waren teilweise sehr gebildete Leute.» Das Haus Seefeld, das bis heute zum Unternehmen – heute Perlavita – gehört, sei aufgrund des höheren Platzbedarfes für die Russen gekauft worden.

Nach dem Fest die Trauer

Auch andere Alteingesessene im Dorf können sich noch an die Russen erinnern, «aber nur die, die sich damals für diese Leute interessiert haben», sagt Ottilie Zeller. Sie hatte damals zu den Russen Kontakt geknüpft. Zusammen mit ihrem Mann Josef wurde sie gar an eine russische Beerdigung eingeladen. Dafür kam extra ein Pope nach Berlingen, der die Feier nach russisch-orthodoxem Glauben zelebrierte. Die Russen pflegten eine strenge Trauerzeit, so Ottilie Zeller, «aber beim Begräbnis wurde erst einmal gefeiert. Das hätten Sie erleben müssen. Da wurde gesungen, getanzt und gelacht, bevor sich die Witwen ein Jahr lang in tiefste Trauer stürzten.»

Noch lange hätten sie und ihr Mann den Vergleich «lustig wie auf einem russischen Begräbnis» verwendet – womit sie sicher den einen oder anderen ratlosen Blick provoziert haben. Begraben wurden die Verstorbenen auf dem Berlinger Friedhof. Aus dieser Zeit, in der die Russen älter wurden und schliesslich starben, stammen die Holzkreuze auf dem Friedhof. Heute steht nur noch eines davon in den Reihen. Das Wetter hat den gemalten Namen abblättern lassen, man kann ihn nicht mehr lesen. Alle anderen Gräber wurden inzwischen abgeräumt.

Ein kyrillisches Kreuz

So ganz wollte man die letzten Spuren der Russen aber nicht entfernen, sagt Gemeinderätin Marion Schaffner. Einen steinernen Grabstein, jenen der Aleksandra Lomakin (1902 bis 1984), liess der Gemeinderat von Steinmetz Matthias Schneider auffrischen. Der Grabstein hat die Form eines kyrillischen Kreuzes, dessen unterer Balken zur Entscheidung mahnt zwischen Himmel und Hölle. Er steht nun im Norden des Friedhofes, zusammen mit einer Gedenktafel. Sie erinnert an die Flüchtlinge, die in Berlingen einst ihre letzte Heimat gefunden haben – und auch ihre allerletzte Ruhe.

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