Berliner Mauer am Rhein

«Bei uns», sage ich zum Steckborner Turmspatz, «gibt es die schönsten Fussballabende beim Public Viewing.» «Lass dich nicht täuschen, lieber Siegelturmtschilper», sagt mein Cousin, «in Diessenhofen herrschen Berliner Verhältnisse.

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«Bei uns», sage ich zum Steckborner Turmspatz, «gibt es die schönsten Fussballabende beim Public Viewing.» «Lass dich nicht täuschen, lieber Siegelturmtschilper», sagt mein Cousin, «in Diessenhofen herrschen Berliner Verhältnisse.» Berlin bedeutet für mich die berühmte Mauer, die zwei Bruderstaaten trennte, 1989 Risse bekam und kurz darauf zur grossen Freude der Menschen geschleift wurde. Die Mauer in Diessenhofen ist anders: Da gibt es die Interessengemeinschaft zur Aufwertung der Rheinlandschaft, sie will die Mauer weghaben und das Ufer ökologisch aufwerten. Auf der anderen Seite ist die Gruppierung zur Erhaltung unserer Rheinlandschaft, die die Mauer mit dem Weg darauf erhalten will. In Berlin war man in Ost und West froh, als die Mauer endlich weg war, weil sie die Menschen einsperrte. In Diessenhofen ist es komplizierter. Da trennt die Mauer Land, Fluss und die Menschen gleich mit. Weil man sich im Städtchen nicht einig ist, wie ein ordentliches Ufer aussehen soll, entzweit das Bauwerk Naturliebhaber und Naturfreunde. Oder umgekehrt. Rheinnixen und Wassermänner, Fischer, Pontoniere und Schwimmer geraten sich in die Haare, wenn es um die Mauer geht. Seit unterhalb des Klosters Katharinental ein Bunker entfernt, der Beton abgetragen und durch Kies ersetzt wurde, wissen die Kontrahenten, wie ein Naturufer aussehen könnte. Und so herrschen zwar, wie mein Cousin sagt, bei uns Berliner Verhältnisse. Im Gegensatz zur deutschen Hauptstadt lassen sich bei uns die Probleme nicht so einfach lösen.

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