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Berge versetzt und einen Turm gebaut

Heute kommen sie aus Vietnam, Brasilien oder vielleicht aus dem Tessin: schmucke Natursteine fürs Einfamilienhaus. Um das Jahr 1230 war die Baumaterial-Beschaffung ungleich schwieriger – als die Kyburger in Frauenfeld auf dem Molassefelsen über der Murg einen Turm errichten liessen.
Mathias Frei
Ein Brocken Kissenlava am Schlossturm. Im Hintergrund begutachten Mineralogin Christine Bläuer und Museumsdirektorin Gabriele Keck andere Findlinge. (Bild: Mathias Frei)

Ein Brocken Kissenlava am Schlossturm. Im Hintergrund begutachten Mineralogin Christine Bläuer und Museumsdirektorin Gabriele Keck andere Findlinge. (Bild: Mathias Frei)

Heute kommen sie aus Vietnam, Brasilien oder vielleicht aus dem Tessin: schmucke Natursteine fürs Einfamilienhaus. Um das Jahr 1230 war die Baumaterial-Beschaffung ungleich schwieriger – als die Kyburger in Frauenfeld auf dem Molassefelsen über der Murg einen Turm errichten liessen. «Im Mittelalter fehlten schlichtweg die Transportmöglichkeiten», erklärt Christine Bläuer. Es wurde verbaut, was in der näheren Umgebung herumlag. Und trotzdem hat Bläuer am Frauenfelder Schlossturm auch Steine aus dem Oberengadin und der Surselva gefunden, wie sie am Museumshäppli des Historischen Museums Thurgau feststellte.

Die Geologin und Mineralogin arbeitet für die Firma Conservation Science Consulting in Fribourg und berät unter anderem den Bund in denkmalpflegerischen Aspekten.

500 Meter unter dem Eis

Die Bündner Steine kamen nicht durch Zauberhand nach Frauenfeld. Vielmehr waren die Findlinge Hinterlassenschaften des Rheingletschers. Die letzte grosse Eiszeit in Mitteleuropa endete vor rund 12 000 Jahren. Bei Höchststand lagen über Frauenfeld bis zu 500 Meter Eis. Es wäre keine gute Idee gewesen, den knapp 20 Meter hohen Turm aus dem Süsswassermolasse-Felsen zu bauen, auf dem er heute noch steht. «Denn Molasse ist kein sehr festes Gestein, dafür leicht zu bearbeiten», erklärt Bläuer.

Heutzutage findet man Findlinge ab und an in Baugruben. In Frauenfeld gab es zuletzt 2013 im Pfaffenholz einen Findlingsfund. Die Steine erfüllen aber höchstens noch dekorative Zwecke bei der Gartengestaltung. Vor 800 Jahren dagegen baute man auf die Steine. Es gab im Mittelland Unmengen davon. Oft konnten sie ohne grossen Aufwand ausgegraben werden. Bläuer geht davon aus, dass beim Frauenfelder Turm die Steine grösstenteils unbearbeitet blieben. Passgenauigkeit und Form waren ungleich wichtiger als das Aussehen. Verbunden wurde mit langsam trocknendem Kalkmörtel.

Findlinge im Babyalter

Die jüngsten Steine am Turm sind gerade einmal 13 Millionen Jahre alt – für Mineralogen wie Bläuer sozusagen in der Kinderkrippe. Es ist der Appenzeller-Granit, der aber kein Granit, also Tiefengestein ist, sondern ein Kalk-Nagelfluh, wohl aus der Gegend zwischen Abtwil und Degersheim. Im Gegensatz dazu ist der Punteglias-Granit schon fast pensioniert. Der Punteglias ist Bläuers Lieblingsstein, «weil er so präzise lokalisierbar ist». Den 334 Millionen Jahren alten Stein gibt es nur im Vorderrheintal. Einen am Turm gut sichtbaren Punteglias hat die Mineralogin vermessen: Er wiegt um die drei Tonnen.

Lava am Bergfried

Ebenfalls ein Oldie ist der Verrucano. Er entstand vor 270 Millionen Jahren. Seine rötliche Färbung ist ein Indiz für die chemische Reaktion der Oxidation. Der Verrucano war also nicht im Wasser abgelagert. Im Gegensatz dazu fand Bläuer am Turm auch Ilanzer Verrucano. Er ist nur zwischen 65 und 100 Millionen Jahre alt und durch eine Reduktion grünlich gefärbt.

Kalke hat es ebenfalls, den Helvetischen Kieselkalk (130 Millionen Jahre) oder den Nummulitenkalk (36 bis 55 Millionen Jahre). Daneben hat Bläuer Basalt, also Kissenlava gefunden. Die untermeerisch ausgeflossene Lava entstand in einem Zeitraum vor 144 bis 206 Millionen Jahren. Das Amphibolit ist vergleichbar mit der Kissenlava, entstand aber eine Alpenfaltung früher. Und dann stapelt Mineralogin Bläuer tief und sagt: «Von ganz vielen Steinen kenne ich die Herkunft nicht.»

Christine Bläuer Geologin, Mineralogin Fribourg (Bild: Mathias Frei)

Christine Bläuer Geologin, Mineralogin Fribourg (Bild: Mathias Frei)

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