Beinbruch bei Rauferei

Das Bezirksgericht Frauenfeld untersucht den Ablauf einer Rauferei, die sich zwei Jugendliche vor zwei Jahren lieferten. Einer der beiden brach sich dabei ein Bein. Seine Versicherung verlangt die Heilungskosten vom Gegner zurück.

Thomas Wunderlin
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Röbi lag mit gebrochenem Bein am Boden neben den Sitzbänken beim Frauenfelder Einkaufszentrum Schlosspark. (Bild: Thomas Wunderlin)

Röbi lag mit gebrochenem Bein am Boden neben den Sitzbänken beim Frauenfelder Einkaufszentrum Schlosspark. (Bild: Thomas Wunderlin)

Frauenfeld. Der 18jährige Informatik-Mittelschüler Röbi spürt einen stechenden Schmerz, wenn er den Fuss hart aufsetzt (Namen geändert). Er erinnert ihn an eine Rauferei mit dem zwei Jahre jüngeren Walter. Dabei hatte er ein Bein gebrochen. Das Bezirksgericht Frauenfeld versuchte am Dienstag zu rekonstruieren, was an jenem Nachmittag des 15. April 2009 genau geschah.

Mit zwei Kollegen hatte es sich Röbi auf einer Bank am Murgufer beim Frauenfelder Einkaufszentrum Schlosspark gemütlich gemacht. Walter, der zurzeit die dritte Sek besucht, trat dazu. Röbi und seine zwei Kollegen sind Schweizer und tragen gängige Schweizer Namen, Walter hat den deutschen Pass.

Röbis Kranken- und Unfallversicherung fordert von Walter, beziehungsweise seinen Eltern, Heilungskosten von rund 12 000 Franken zurück. Nach ihrer Ansicht ist Walter schuld an der Rauferei. Möglicherweise werden weitere Heilungskosten dazukommen. Denn Röbi trägt immer noch eine Platte und sieben Schrauben im Bein. Wie er vor Gericht sagte, sollen sie im Herbst herausoperiert werden.

Nach der ersten Verhandlung am 10. Februar hatte Vizegerichtspräsident René Hunziker den Parteien einen Vergleich von 3000 Franken vorgeschlagen. Die Versicherung gab sich jedoch nicht damit zufrieden. Ob sie mehr bekommen wird, ist offen. Das Gericht hat noch kein Urteil gesprochen. Die Anwaltskosten werden voraussichtlich annähernd die Höhe der Forderung erreichen.

Drei Aussagen gegen Walter

Eine wichtige Fragen ist es, wer mit den Tätlichkeiten begonnen hat. «Ich würde meinen, das war Walter», beantwortete der erste Zeuge, ein Zweiradmechaniker-Lehrling, die Frage des Richters. Auch der zweite Zeuge, ein Baumaschinenmechaniker-Lehrling, sagte: «Ich denke Walter.»

Walter habe begonnen, ihn zu schlagen, sagte der Informatik-Mittelschüler Röbi, den seine Mutter ans Gericht begleitete. Er sei dann aufgestanden und habe ihn in den Schwitzkasten genommen, damit er aufhöre. Durch eine Drehbewegung habe er sich dabei das Bein gebrochen. Walter selber, der von seinem Vater begleitet wurde, sagte auf die Frage des Richters, ob er Röbi mit Fäusten traktiert habe: «Ich weiss es nicht mehr, es ist zwei Jahre her.» Auf die Nachfrage, ob Röbi ihn angegriffen habe, sagte er: «Es ist von beiden ausgegangen.»

Bei der Frage, wie der Streit anfing, stimmten die Aussagen der Zeugen und Röbis wiederum annähernd überein. Demnach verlangte Walter von Röbi eine Zigarette, erhielt aber keine. Walter nahm darauf Röbis Portemonnaie, das dieser auf der Bank abgelegt hatte, und drohte, es in die Murg zu werfen.

Walter versicherte: «Ich hatte nie eine Geldbörse in der Hand.» Röbi habe ihm ein Gürkli angeworfen, damit habe es angefangen. «Die Provokation kam von ihm.»

Gemäss den andern drei Versionen warf Röbi Walter erst ein Gürkli an, nachdem er von diesem belästigt worden war.

Laut dem Zweiradmechaniker-Lehrling pöbelte Walter herum und schubste Röbi, der darauf das Gürkli warf. Walter habe dann Röbi nochmals geschubst. «Röbi wurde hässig, irgendwann reichte es ihm.» Es sei aber keine Schlägerei daraus geworden, nur ein Gerangel. Auch der Baumaschinenmechaniker-Lehrling sprach von einem «Kämpfli». Der Beinbruch sei ein Unfall gewesen. Die beiden hätten das Gleichgewicht verloren. Dabei sei Walter auf Röbis Bein gefallen.

Gürkliwurf als Überreaktion

Röbi sagte bedauernd, er habe Walter «ohne Grund» keine Zigarette gegeben. Walter habe darauf sein Portemonnaie genommen. «Ich habe überreagiert und ihm ein Gürkli angeworfen.»

Üblicherweise kann sich ein Gericht in solchen Fällen auf das Ergebnis einer Strafuntersuchung stützen. In diesem Fall ist es anders, denn Röbi reichte keine Anzeige ein. Nach Ansicht von Walters Anwalt verzichtete Röbi darauf, weil er bekifft gewesen war. Röbis Kollegen bestätigten als Zeugen, dass Röbi an jenem Nachmittag bekifft war. Röbi selber sagte: «Wir haben gekifft, aber das war zwei Stunden her.» Walters Anwalt unterstellte Röbi ausserdem, ein notorischer Schläger zu sein, wofür er jedoch von den Zeugen keine Bestätigung erhielt.