Bei Anruf Bekanntschaft

Viele ältere Menschen fühlen sich einsam. Die Pro Senectute hilft ihnen mit einem neuen Angebot aus der Isolation. Sie organisiert Telefonketten. Die ersten Erfahrungen mit dem nationalen Pilotprojekt sind vielversprechend.

Markus Schoch
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Neue Kontakte: Die Telefonketten der Pro Senectute wollen einsame Menschen verbinden. (Bild: Pro Senectute)

Neue Kontakte: Die Telefonketten der Pro Senectute wollen einsame Menschen verbinden. (Bild: Pro Senectute)

kreuzlingen. Rosmarie Schüepp hat in den letzten Monaten viel Dankbarkeit erfahren. Für ihre neue Bekanntschaft sei sie oft der einzige Mensch, mit dem sie sich unterhalten könnten. Die Telefongespräche würden sich darum zuweilen in die Länge ziehen und auch schon mal eine Stunde dauern, sagt die Seniorin. Geplaudert werde über «Gott und die Welt».

«Es gibt viele ältere Menschen, die allein sind», weiss Rosmarie Schüepp. Sie selber gehört nicht dazu. «Ich habe eine grosse Familie und viel Kontakt.» Gerade deshalb mache sie mit. «Ich will etwas zurückgeben.»

Einsame verbinden

Die ehemalige Telefonistin ist eine von vier Mitgliedern der ersten Telefonkette für Senioren im Thurgau.

Das Schweizer Pilotprojekt läuft seit letztem Dezember und wurde von der Pro Senectute angestossen mit dem Ziel, einsame Menschen miteinander zu verbinden.

Das Prinzip ist einfach: Die Teilnehmer rufen sich zu einer vereinbarten Zeit in einer bestimmten Reihenfolge gegenseitig an. So haben sie regelmässig Kontakt zu einer Bezugsperson und sind gleichzeitig in ein soziales Netz eingebunden, das ihnen eine gewisse Sicherheit bietet. Nimmt nämlich jemand das Telefon nicht ab, werden Verwandte, Nachbarn oder Hilfsdienste informiert.

Wer genau im Notfall angegangen werden muss, wird im voraus mit allen Mitgliedern der Telefonkette festgelegt. Die entsprechenden Adressen und den Notfallplan hat der Gruppenchef, der Kettenkapitän heisst und die Telefonkette jeweils startet und beendet.

20 Interessenten

Das Interesse am neuen Angebot hält sich noch in engen Grenzen. Insgesamt 20 Anfragen sind bis jetzt bei Raimund Disch von der Pro Senectute Thurgau eingegangen, zu gut zwei Dritteln von Frauen. Bis auf vier wollen alle ins Projekt einsteigen.

Im Moment laufen die Vorarbeiten zum Aufbau weiterer Gruppen.

Disch ist mit dem bisherigen Verlauf zufrieden. Er hat es nicht anders erwartet. «Wer mit älteren Menschen arbeitet, weiss, dass soziale Angebote mit Gruppencharakter eine gewisse Anlaufzeit brauchen. Altersarbeit ist Beziehungsarbeit.» Mit einem Flyer sei es nicht getan.

Komme hinzu, dass sich viele Senioren mit Neuem generell eher schwer tun würden. Die Hemmschwelle sei darum bewusst tief gesetzt. Mit Fremden zu telefonieren, falle den meisten eher leichter, als eine unbekannte Person zu treffen.

Wunsch nach mehr kommt bald

Wie die Erfahrung der letzten Monate zeigt, kommt das Bedürfnis nach einem engeren Kontakt sehr schnell, sobald man sich ein bisschen besser kennt.

Die Mitglieder der bestehenden Telefonkette aus Arbon, Romanshorn und Kreuzlingen besuchen sich gegenseitig oder unternehmen sogar gelegentlich etwas miteinander. «Diese Multiplikatoreneffekte sind für uns ein wesentlicher Erfolgsfaktor», sagt Disch. Die Telefonketten-Gruppe sollte darum nicht zu gross sein. Ideal seien zwischen drei und sieben Personen, sagt Disch.

Sind es mehr, wird es schwierig, persönliche Beziehungen aufzubauen. Auch organisatorische Fragen werden dann sehr schnell kompliziert.

Grosses Bedürfnis

Dass Austauschmöglichkeiten wie die Telefonkette einem breiten Bedürfnis entsprechen, steht für Disch ausser Zweifel. «Wir sind überzeugt, dass sehr viele ältere Menschen auf ein solches Angebot warten – sie müssen nur erreicht werden.»

Im Thurgau lebten gemäss Angaben der Dienststelle für Statistik im Jahr 2000 7428 Personen im Alter zwischen 70 und 89 in einem Einpersonenhaushalt, zehn Jahre davor waren es 6269, 20 Jahre früher 5178.

Kontakt für Interessierte: Raimund Disch, Pro Senectute Thurgau, Beratungsstelle Kreuzlingen, Bärenstr. 32, 8280 Kreuzlingen, Telefon 071 672 77 78, E-Mail raimund.disch@tg.pro-senectute.ch