«Behindert ist politisch nicht korrekt»

Die Eschlikerin Bettina Baldo ist diplomierte Tanz- und Bewegungstherapeutin. Sie wirkt zudem beim Aadorfer Tanztheater «Divertimento» für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung mit.

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Bettina Baldo Co-Leitung bei «Divertimento» und diplomierte Tanztherapeutin (Bild: Lisa Epper)

Bettina Baldo Co-Leitung bei «Divertimento» und diplomierte Tanztherapeutin (Bild: Lisa Epper)

Die Eschlikerin Bettina Baldo ist diplomierte Tanz- und Bewegungstherapeutin. Sie wirkt zudem beim Aadorfer Tanztheater «Divertimento» für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung mit. Baldo störte sich am Titel «Behinderte tanzen für Nigeria» eines TZ-Artikels über eine Benefizveranstaltung von «Divertimento». Er habe bei den Mitwirkenden, Darstellern und der künstlerischen Leitung Betroffenheit ausgelöst, sagt sie.

Frau Baldo, was denken Sie über die Benutzung des Wortes «Behindert» im TZ-Artikel über «Divertimento»?

Uns ist wichtig, dass dieser Ausdruck berichtigt wird. Uns muss als desensibilisierte und teils sogar oberflächliche Gesellschaft klar werden, dass solche Begriffe Schaden anrichten: Damit wurden alle Beteiligten diskriminiert.

Welche Reaktionen hat der Titel dieses Berichts bei den Mitgliedern von «Divertimento» ausgelöst?

Alle Teilnehmer der Tanztheaterwerkstatt haben sich zu Wort gemeldet. Der Textinhalt ist bei den Darstellern gut angekommen, aber der Titel hat grosse Betroffenheit ausgelöst. Er ist abwertend und erniedrigend, die Betroffenen fühlen sich abgestempelt. Mit dem Begriff «Behinderte» – der heute unzeitgemäss ist – wurde eine ganze Gruppe von Menschen generalisiert. Es ist wichtig, dass die Bezeichnung heutzutage anders formuliert wird. Ich sehe die Darsteller nicht als Behinderte, sondern als Beeinträchtigte mit verschiedenen Geschichten an. Ein Mensch mit Depressionen ist kein Behinderter, er hat eine psychische Erkrankung.

Wie haben Sie sich gefühlt, als sie den Begriff in der Zeitung lasen?

Es ist schwer, wenn über Bekannte in der Zeitung geschrieben wird und man dann Schwarz auf Weiss «Behinderte» liest. Als Teilnehmer vom Tanztheater «Divertimento» fühlt man sich stigmatisiert – ob man nun beeinträchtigt ist oder nicht. Und das kann wehtun. Obwohl es nur ein Wort ist, kann es grossen Schaden anrichten: Betroffene sind sensibel, fühlen sich wiederum abseits gestellt und fragen sich dann, wofür sie sich eigentlich zur Integration bemühen.

Warum trägt das Tanztheater zur Integration in die Gesellschaft und den Alltag bei?

Ich finde, man kann es den Menschen von «Divertimento» hoch anrechnen, dass sie bei diesen Integrationsprojekten am Ball bleiben und so ihre eigene Persönlichkeit entfalten und stärken können. Das Besondere am Tanztheater ist auch, dass die Teilnehmer in andere Rollen schlüpfen und so lernen, sich auszudrücken und eine Stimme zu verschaffen. (lie)