Begabt ist nicht hochbegabt

Von Philosophie bis Klöppeln reicht das Angebot des Münchwiler Förderzentrums. Die Primarschule will damit begabte Mädchen und Buben gleichermassen ansprechen. Für den Roboterkurs begeistert sich dennoch nur ein Geschlecht.

Kurt Lichtensteiger
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Céline und Sarah lernen im Fach «Textiles Werken» das Klöppeln, eine alte Handwerkskunst. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Céline und Sarah lernen im Fach «Textiles Werken» das Klöppeln, eine alte Handwerkskunst. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

MÜNCHWILEN. «Was wir jetzt machen ist viel schöner als Schule. Das interessiert uns mehr als das eher langweilige Rechnen», sagt Andrin stellvertretend für seine Kameraden.

Mit ihm im Schulhaus Oberhofen 2 sind die Dritt- und Viertklässler Kayra, Ben, Dominic und Leon am Schrauben, Biegen und Verkabeln – sowie natürlich am Hirnen und Lesen, wie sie ihre hauptsächlichen Tätigkeiten selber beschreiben.

Jungfernfahrt steht bevor

Seit den Sportferien besuchen die Knaben – offenbar schienen sich Mädchen von der Technik nicht begeistern zu lassen – im Fach «Nichttextiles Werken» den einsemestrigen Kurs «Roboterbau». Nur noch wenige Doppellektionen bleiben, bis die «Robo Biene» ihre Jungfernfahrt antreten und ferngesteuert umherkurven wird. Bis dahin müssen die fünf Knaben noch mit einigen Knacknüssen fertigwerden, sei es mit Hilfe des vorgegebenen Plans oder mit Unterstützung von Jeannette Meier, Leiterin Begabungs- und Begabtenförderung.

Altes Handwerk ist gefragt

An einem anderen Nachmittag dominiert hingegen die Präsenz von Mädchen. Es sind fünf Fünft- und Sechstklässlerinnen, die sich im «Textilen Werken» für das Klöppeln interessiert haben. Dabei geht es um das Erlernen einer alten Handwerkstechnik, bei der Spitzen mit auf Spulen aufgerolltem Garn durch Kreuzen und Drehen hergestellt werden. «Die Arbeit erfordert viel logisches Denken, gutes Vorstellungsvermögen und eine ausgesprochene Feinmotorik», betont Jeannette Meier und versichert dabei, dass Spitzen wieder hoch in Mode seien.

Seit gut zwei Jahren ist die Guntershauserin als Leiterin der Begabungs- und Begabtenförderung in der Volksschulgemeinde Münchwilen tätig. Mit den kursorischen Angeboten «Mathematik für findige Köpfe», einem Theaterprojekt, «Vertiefte Projektarbeiten» und einer Jubiläumszeitschrift «40 Jahre VSG Münchwilen» hat die Fachlehrerin Musik ihre Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Im nächsten Schuljahr stehen Kurse in Philosophie und Kalligraphie zur Auswahl. Dabei animieren die Klassenlehrerin oder die Fachlehrerin geeignete Kandidaten zum freiwilligen Besuch der Doppellektionen, die aber nicht mit einem üblichen Freizeitangebot gleichzusetzen sind. Es handelt sich dabei um einen Förderunterricht, in dessen Genuss lediglich ein bis zwei Schülerinnen oder Schüler je Klasse gelangen können.

Eigener Weg in Münchwilen

Die Begabtenförderung in der Volksschule ist für intellektuell besonders begabte und interessierte Schülerinnen und Schüler reserviert. «Die Begabung soll rechtzeitig erkannt und mit geeigneten Angeboten gefördert werden», lautet das Credo.

Mitentscheidend sind neben den intellektuellen Fähigkeiten auch im besonderen die Kreativität, die Motivation und das Führungs- und Planungsverhalten. Von Hochbegabung wird dann gesprochen, wenn der Entwicklungsstand gesamthaft oder in mehreren Bereichen in ausgeprägtem Masse über demjenigen der entsprechenden Altersgruppe liegt. Das sind vielleicht ein bis zwei Prozent aller Kinder. In Münchwilen hat die Begabungs- und Begabtenförderung einen eigenen Weg eingeschlagen, entspricht jedoch voll und ganz dem Förderkonzepts des Kantons Thurgau.

Schulleiter Rolf Thalmann hat die Einführung massgebend vorangetrieben. Zielsetzung ist es, den leistungsstarken ebenso wie den leistungsschwächeren Schülern ein geeignetes Angebot zu bieten. «Nicht zuletzt ist es die Wirtschaft, die von den zukünftigen Berufsleuten neben dem schulischen Wissen auch besondere Fertigkeiten erwartet», sagt Jeannette Meier mit Blick auf die Praxisnähe.