BEE BEST FRIENDS: Rettungsplan mit Sprengkraft

In keiner anderen Region in Europa gibt es so viele Bienen wie im Oberthurgau. Ein neuer Verein möchte nun gerade dort Imker für eine naturnahe Haltung der Völker gewinnen. Beim Verband der Bienenzüchter ist man mässig begeistert von der Idee.

Markus Schoch
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Rüdiger Junghans mit einem Bienenhaus, das Hobbyimker in ihrem Garten aufstellen sollen. (Bild: Reto Martin)

Rüdiger Junghans mit einem Bienenhaus, das Hobbyimker in ihrem Garten aufstellen sollen. (Bild: Reto Martin)

Markus Schoch

markus.schoch

@thurgauerzeitung.ch

In manchen Wintern sterben die Bienen wie die Fliegen. Die Varroamilbe und andere Parasiten raffen in solchen Jahren teilweise die Hälfte der Völker dahin, die den todbringenden Spinnentieren, Bakterien oder Viren nicht viel entgegenzusetzen haben. Im Schnitt der letzten Jahre gingen in der Schweiz jeweils zwischen 9 und 23 Prozent aller Völker so verloren.

Rüdiger Junghans und Guido Knup sind besorgt. Denn die Biene ist eines der wichtigsten Nutztiere auf dieser Welt. Würde sie nicht von Blüte zu Blüte fliegen und damit die Pflanzen bestäuben, hätten wir viel weniger zu essen – und ganz bestimmt keinen Honig zum Frühstück. Die beiden haben deshalb vor einem Jahr den Verein Bee Best Friends mit Sitz in Egnach gegründet mit dem Ziel, mehr Menschen für die Imkerei zu begeistern. «Neue Bienen braucht das Land», sind Junghans und Knup überzeugt. Die Zahl der Bienenvölker in der Schweiz sinkt seit Ende des Zweiten Weltkrieges ständig. Ende 2014 waren es landesweit noch 165 000 – halb so viele wie beim Höchststand 1945, schreibt der Bundesrat in seinem Ende des letzten Jahres erschienen Massnahmenplan zur Umsetzung des nationalen Massnahmenplans für die Gesundheit der Bienen.

Mit ihrem Konzept wollen Junghans und Knup Bevölkerungsgruppen ansprechen, die mit der klassischen Imkerei wenig anfangen können, weil diese mit sehr viel Arbeit verbunden ist. «Wir wollen ihnen alternative Wege aufzeigen. Bei uns steht nicht die Maximierung der Honigproduktion im Vordergrund, sondern das Wohl der Bienen», sagt Junghans. Ihnen soll es möglichst gut gehen. Und das heisst beispielsweise weniger Futterstress, dem die Tiere ausgesetzt sind, wenn sie in Massen gehalten werden, was auch die Übertragung von Krankheiten erleichtert. Junghans setzt auf kleinere Bienenkästen, die statt normierter Wabenplatten bloss einen Rahmen für den natürlichen Ausbau enthalten.

Aufgestellt werden sollen diese Bienenstöcke in Privatgärten. Die betreffenden Liegenschaftenbesitzer können das nötige Grundwissen zur Betreuung des Volkes in einem viertägigen Kurs erwerben, den Junghans und Knup in diesem Frühling als Einstiegshilfe erstmals anbieten. Über ein Dutzend Personen haben sich bereits angemeldet.

Die beiden schauen zum Rechten, wenn jemand nur das Grundstück für das Bienenhaus zur Verfügung stellen will. Viel Aufwand gebe es nicht, versichert Knup. «Es ist nicht nötig, den Stock täglich zu öffnen, was sowieso schlecht ist, weil das Mikroklima jedes Mal zusammenbricht.» Und wenn man den Deckel einmal heben müsse, sei die Gefahr gering, gestochen zu werden. «Es werden sehr ruhige Rassen eingesetzt, so dass es nicht einmal unbedingt nötig ist, einen Schutzanzug zu tragen», sagt Junghans.

Kritiker sagen: Es gibt bereits viel zu viele Bienen

Der Ansatz von Bee Best Friends ist nicht unumstritten. Es gibt Imker, die ihn für völlig falsch halten. Matthias Lenherr aus Allschwil beispielsweise sagt: In der Schweiz gebe es nicht zu wenige Bienen, sondern zu viele – viel zu viele. Die Zahl der Völker sei je nach Standort um das 10- bis 30-Fache zu hoch – gemessen am Futterangebot. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sei den Bienen in den letzten Jahrzehnten ein grosser Teil der natürlichen Nahrungsgrundlage verloren gegangen. Die Varroamilbe sei nicht die Ursache für das grosse Bienensterben, sondern Folge der Überpopulation, sagt Lenherr, der selber seit 50 Jahren Bienen hält. Tatsächlich sind diese den gefährlichen kleinen Krabbeltieren unter anderen Bedingungen nicht wehrlos ausgeliefert. Thomas D. Seeley beobachtet seit 1977 im urwaldähnlichen Arnot Forest im Staat New York wild lebende europäische Honigbienen und hat dazu zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst. Durch den Befall mit der Varroamilbe ist es dort zu einer starken Auslese gekommen, hat der Professor für Neurobiologie und Verhalten an der Cornell Universität in Ithaca festgestellt. Den überlebenden widerstandsfähigen Tieren gehe es heute gut. In ihrem natürlichen Umfeld würden sie selber mit den Milben fertig, sagt Seeley, der einer der weltweit renommiertesten Bienenforscher ist. Sie würden auch damit fertig werden, weil sie in kleinen Höhlen leben und die Männchen Teil der Völker seien. All diese Faktoren stärken sie.

Junghans und Knup von Bee Best Friends wissen um diese positiven Einflüsse auf die Gesundheit der Bienen. Ihr Konzept sieht deshalb im Gegensatz zur klassischen Imkerei vor, dass sich die Königin mit einem Teil des Volkes ein neues Zuhause suchen darf, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Die Drohnenbrut systematisch zu vernichten, gehört nicht dazu. Dieser Eingriff diente ursprünglich der Ertragssteigerung und ist jetzt Teil der Varroa-Bekämpfungsstrategie, weil die männlichen Maden stärker als die Weibchen von den todbringenden Milben befallen sind. «Die Drohnen haben eine wichtige Funktion im Bienenvolk, die über die Begattung der Königin hinausgeht», sagt Junghans. Sie würden bei der Brutpflege helfen und seien ein beruhigendes Element im Bienenstaat, weshalb sie nicht umgebracht werden.

Junghans und Knup lassen der Natur aber nicht freien Lauf, weil der Thurgau kein Urwald ist, wie sie sagen. Wer bei ihnen mitmacht, hat die Wahl: «Wir zeigen und erklären mit allen Vor- und Nachteilen den offiziellen Plan der Forschungsanstalt Agroscope zur Schädlingsbekämpfung», sagt Junghans. «Wir gehen jedoch auch auf alternative Verfahren ein und empfehlen deren ­Anwendung, solange die Wirksamkeit durch Studien gestützt wird.» Dabei geht es um biologische Präparate wie das ätherische Öl Thymol. Zum Arsenal von Bee Best Friends gehört aber auch Puderzucker, mit dem die Bienen bestäubt werden, damit diese sich putzen und sich damit Parasiten vom Leib halten.

Imkerpräsident ist eher skeptisch

Beim Verband der Thurgauer Bienenzüchtervereine ist man über Bee Best Friends mässig begeistert. «Ich bin eher skeptisch», sagt Präsident Armin Füllemann. Es brauche einiges an Wissen, um Bienen (gesund) halten zu können. Ob dafür ein viertägiger Kurs genüge, bezweifle er. Derjenige der Imkervereine dauert mit neun Tagen mehr als doppelt so lange und ist über zwei Jahre verteilt. Vor allem aber brauche es im Oberthurgau sicher nicht mehr Bienen, stellt Füllemann klar. Das Gebiet sei jetzt schon die Region mit der höchsten Bienendichte Europas. Und eine Trendwende sei nicht in Sicht. Die Thurgauer Imker müssen sich derzeit nicht um den Nachwuchs sorgen. «Unsere Kurs waren in den letzten Jahren immer bis auf den letzten Platz belegt. Wir haben sehr viele Junge, die das Handwerk lernen wollen.» Im Kanton gebe es aktuell rund 680 Imker, die 5500 Völker halten würden. Schwer tut sich Füllemann auch mit der Vorstellung, dass es Bee Best Friends seinen Mitgliedern offenlässt, auf Chemie zu verzichten. Unbehandelte, mit Varroa befallene Völker könnten zu Seuchennestern werden – zum Schaden der Bienen benachbarter Imker, befürchtet Füllemann. Etwas dagegen tun kann er allerdings nicht. Es gibt nicht einmal einen Zwang, die Varroamilbe zu bekämpfen oder einen Kurs für Bienenhaltung zu besuchen.

Zentral fürs Überleben ist der Erhalt von Lebensraum

Denkbar ist allerdings, dass die Imker vom Gesetzgeber in den nächsten Jahren in die Pflicht genommen werden. Im Moment würden weiterhin die nötigen Entscheidungsgrundlagen fehlen, erklärt der Bundesrat. Für die Zukunft der Bienen ist nach Meinung der Landesregierung aber anderes entscheidend. Zentral für deren Überleben sei «der Erhalt von entsprechendem Lebensraum», schreibt sie in ihrem Massnahmenbericht. Und weiter: «Die Agrarpolitik 2014–17 berücksichtigt dies mit zielgerichteten Direktzahlungen.» Wichtig seien vor allem Biodiversitätsflächen.

Junghans und Knup sind sich bewusst, dass die Bienen nur dann eine Zukunft haben, wenn die Bauern ins Boot geholt werden können. «Wir suchen darum den Schulterschluss mit der Landwirtschaft, ohne die es nicht geht», betonen sie. Ebenso wichtig sei aber, dass das Land neue Bienen erhalte – verteidigen sie ihr zentrales Ziel. Es sei zwar richtig, dass es bereits viele Völker gebe, vielleicht sogar zu viele. Aber möglicherweise die falschen. Die meisten Imker würden mit Unterarten der westlichen Honigbienen arbeiten, die hier ursprünglich nicht vorkamen und auf Ertragsleistung gezüchtet wurden. Bee Best Friends will für mehr Vielfalt sorgen. Junghans denkt dabei vor allem an die dunkle europäische Biene, die einst die einzige Honigbiene in der Schweiz war. Ihre Verbreitung ist in den letzten 60 Jahren stark zurückgegangen. Sie im Thurgau wieder anzusiedeln, wird nicht einfach sein. Kreuzt sie sich mit anderen Rassen, ist es aus mit der Sanftmütigkeit, die Apis mellifera mellifera auszeichnet. Für Junghans und Knup kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen, zumal sich das Pro­blem auch bei anderen Rassen stelle. Im Gegenteil: Es sind genau diese Herausforderungen, weshalb sie Bee Best Friends gegründet haben: Sie wollen zumindest versuchen, scheinbar Unmögliches möglich zu machen.

 

Bee Best Friends führen diesen Frühling in Egnach an vier Samstagen einen Imkerkurs mit zwei Tagen Theorie und zwei Tagen Praxis durch. Die Daten: 25.AABB22März, 8. April, 13. Mai und 10.AABB22Juni. Die Termine können sich aufgrund der Wetterbedingungen verschieben. Anmeldung bei Bee Best Friends, Bahnhofstr. 3, 9322 Egnach, Tel. 071 52 00 55, oder direkt über die Website www.beebestfriends.ch, wo es weitere Informationen gibt.