Bedrängt, beschimpft, attackiert

Unbeteiligte verbünden sich bei einer Kontrolle gegen die Polizei: Die Gewalt am Jahrmarkt in St. Gallen ist Indiz dafür, dass die Hemmschwelle gegenüber Polizisten gesunken ist. Sogar einfache Patrouillengänge werden zum Spiessrutenlauf.

Daniel Walt
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Polizisten auf Patrouille werden teils bespuckt und beleidigt. (Bild: Reto Martin)

Polizisten auf Patrouille werden teils bespuckt und beleidigt. (Bild: Reto Martin)

«Übergriffe auf Polizisten gehören in St. Gallen nicht zur Regel, und das dürfen sie auch nicht werden.» Das sagt Ralph Hurni, Kommandant der St. Galler Stadtpolizei. Er bezieht sich auf den Vorfall am Offa-Jahrmarkt vom Samstagabend (Ausgabe von gestern): Als Beamte einen 23-Jährigen kontrollieren wollten, der einen Kübel umgeworfen hatte, solidarisierte sich ein Kollege mit dem Mann und griff einen Polizisten an. In der Folge mischten auch ein gutes Dutzend unbeteiligte Jahrmarktbesucher mit, die den Kontrollierten nicht einmal kannten: Die Polizisten wurden bedrängt, beschimpft, von hinten attackiert und mit Faustschlägen traktiert. Zwei Beamte wurden verletzt.

Eine ganz schwierige Situation

Laut Mediensprecher Dionys Widmer stellen die Übergriffe vom Samstag für die Stadtpolizei eine neue Dimension der Brutalität und der Solidarisierung gegen Einsatzkräfte dar. «Es war eine ganz schwierige Situation. Die Polizisten wussten nicht, wie viele Personen noch hinzukommen würden. Zudem war es dunkel», sagt Widmer. Dass jene drei Täter, die wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte angezeigt wurden, zwischen 1,13 und 2 Promille im Blut hatten, überrascht Widmer wenig: Alkohol- beziehungsweise Drogenkonsum spielten bei solchen Vorfällen oft eine Rolle, sagt er. Der Respekt vor anderen sinke, die Aggressivität nehme zu.

«Bullenschweine!»

Für Dionys Widmer steht fest: Jemand, der ein gutes Bild von der Polizei hat, würde wohl auch betrunken nicht so handeln wie die Menschen, die am Samstagabend auf die Beamten losgingen. «Der Respekt vor der Polizei ist zurückgegangen», ist er generell überzeugt. Beispielsweise sei es zum Standard geworden, dass Polizisten, die am Wochenende zu Fuss durch die Stadt patrouillierten, fast schon an jeder Ecke bespuckt oder beschimpft würden – «und das teils von Elf- oder Zwölfjährigen». «Bullenschweine!» oder «Hurensöhne!»: So töne es dann etwa, sagt Widmer. «Oder Leute sprechen Drohungen gegen die Beamten oder deren Angehörige aus.» Nach Möglichkeit versuchen die Einsatzkräfte, ins Gespräch mit den Pöblern zu kommen, beziehungsweise zeigen sie an. «In den meisten Fällen kann aber nicht eruiert werden, wer gespuckt oder gerufen hat – das passiert aus der Masse heraus.»

«Keine Nachwuchsprobleme»

Marcus Kradolfer, Direktor der Polizeischule Ostschweiz, machen Geschehnisse wie jene am Offa-Jahrmarkt traurig. Generell bestätigt ihn der Vorfall darin, dass es richtig ist, angehende Beamte auch in Polizeipsychologie zu schulen. «Die Absolventen lernen, wie sie mit schwierigen Personen umgehen sollen.» Dabei sei es auch das Ziel, als Polizist konfliktfähig zu werden und schwierige Situationen zu entschärfen. Dabei ist er sich bewusst, dass sich Vorfälle wie jener vom Samstagabend nie völlig ausschliessen lassen. «Wenn Alkohol im Spiel ist und man plötzlich einen Mob gegen sich hat, wird es schwierig.»

Fehlender Respekt und Aggressivität: Kann das Menschen davon abhalten, Polizist zu werden? «Wir haben in der Ostschweiz keine Nachwuchsprobleme», sagt Kradolfer. Die angehenden Polizisten seien sich bewusst, dass sie auch anecken würden. Generell sei die Polizeiarbeit aber attraktiv und biete Aufstiegsmöglichkeiten – «das überwiegt».

Patrouillen aufstocken?

Ralph Hurni, Kommandant der St. Galler Stadtpolizei, sagt zur Frage einer möglichen abschreckenden Wirkung auf Polizeianwärter: «Wer den Vorfall vom Samstagabend erlebt hat, wird sich sicherlich noch einmal überlegen, ob er Polizist werden will.» Zu Kritik, Vorfälle wie jener vom Samstag seien die Konsequenz daraus, dass linke Kräfte die Polizei für ein hartes Durchgreifen jeweils rasch kritisierten, sagt Hurni: «Die St. Galler Stadtpolizei hat die Rückendeckung des gesamten politischen Spektrums von links bis rechts.» Hingegen wünscht er sich, dass die Gerichte den Spielraum beim Verurteilen von Personen, die Beamte bedroht oder angegriffen haben, noch mehr ausnutzen – «er wird sehr unterschiedlich gehandhabt», so Hurni. Laut Mediensprecher Dionys Widmer wird die Stadtpolizei analysieren, wie sie ihre Beamten vor Übergriffen schützen kann. Eine Möglichkeit: die Patrouillen aufstocken oder sie mit anderer Schutzkleidung ausrüsten.