Bedenken wegen wachsender Sterbehilfe

Drei Mitglieder des Kantonsrats wollen vom Thurgauer Regierungsrat wissen, wie die Situation betreffend begleitetem Suizid im Kanton aussieht und was die Regierung darüber denkt.

Larissa Flammer
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Die «Erfolgsgeschichte» von Sterbehilfe hat drei Thurgauer Kantonsräte nachdenklich gestimmt. 995 Personen hätten im Jahr 2015 in der Schweiz Sterbehilfe beansprucht – 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. «Die Medienberichte Mitte Oktober liessen aufhorchen», schreiben die Kantonsräte. «Der assistierte Suizid wird offensichtlich für immer mehr Menschen zur Option und für breite Schichten der Gesellschaft zur Normalität.»

Zu diesem Hintergrund gelangen Andrea Vonlanthen (SVP, Arbon), Astrid Ziegler (CVP, Birwinken) und Hansjörg Haller (EVP, Hauptwil) mit einer Interpellation an den Regierungsrat. So wollen die drei unter anderem wissen, wie die Entwicklung bezüglich begleitetem Suizid in den vergangenen zehn Jahren im Kanton Thurgau verlaufen ist und wie die Betroffenen in dieser Zeit ihren Sterbewunsch begründet haben.

Druck auf Menschen und Institutionen steigt

In ihrer Begründung sprechen die Kantonsräte von einem «zunehmenden sozialen Druck». Exit und Dignitas würden nicht nur Todkranke in den Suizid begleiten, sondern auch Personen, die an einer Krankheit des Bewegungsapparats oder an Depression leiden. «Je breiter und niederschwelliger das Angebot und je selbstverständlicher der begleitete Suizid werden, desto mehr geraten alte, kranke und auch einsame Menschen unter sozialen Druck.»

Vonlanthen, Ziegler und Haller denken bei ihren Bedenken auch an das Pflege- und Gesundheitspersonal. «Können sich in den Kliniken und Heimen, die Sterbehilfe zulassen, einzelne Mitarbeitende diesem Prozess verweigern, ohne negative Folgen befürchten zu müssen?», lautet eine der Fragen. Ein Bundesgerichtsurteil habe dazu geführt, dass die Neuenburger Heilsarmee künftig in ihrem Alters- und Pflegeheim Sterbehilfe zulassen muss, wenn sie weiterhin staatliche Gelder erhalten wolle. Damit steige auch der Druck auf die Institutionen. Die drei Kantonsräte möchten Alternativen zur Sterbehilfe wie Palliative Care oder den Hospizdienst Thurgau stärken und wollen vom Regierungsrat wissen, wie er diese Dienste unterstützen und vermehrt bekannt machen will.

«Wie beurteilt der Regierungsrat eine Entwicklung, die dazu führen könnte, dass die Sterbehilfe selbst in einem ländlich geprägten Kanton wie dem Thurgau zur Normalität wird?», lautet eine weitere Frage der drei Kantonsräte.

Grundsatzdiskussion über Begriff «lebenswert»

«Es kann auch in einem durch und durch liberalen Staat kein Fortschritt sein, wenn der Suizid zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit wird», heisst es am Schluss der Begründung. Es müsse darüber diskutiert werden, wie der Begriff «lebenswert» in der modernen Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft definiert werden solle. Und auch darüber, wie das Leben bis zum letzten Atemzug würdevoll geführt werden könne. «Wie nimmt der Regierungsrat seine Verantwortung wahr, wenn es darum geht, die Würde des Lebens in jeder Lebensphase zu schützen?» 46 Personen haben die Interpellation mitunterzeichnet.