Bauernhof hat kein Wasser mehr

Quellen versiegen und Bäche sind nur noch Rinnsale: Die anhaltende Trockenheit führt im Thurgau zu Problemen. Ein Fischinger Landwirt muss täglich 3000 Liter Wasser bei einem Nachbarn holen, um sein Vieh zu tränken.

Inge Staub
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Landwirt Karl Schwager ist in Sorge: Seine Weidbrunnen haben nur noch wenig Wasser. (Bild: Reto Martin)

Landwirt Karl Schwager ist in Sorge: Seine Weidbrunnen haben nur noch wenig Wasser. (Bild: Reto Martin)

FISCHINGEN. «So etwas habe ich noch nie erlebt.» Karl Schwager ist fassungslos. «So extrem wie in diesem Herbst war der Wassermangel noch nie», sagt der Fischinger Landwirt. Sein Betrieb wird über eine eigene Quelle mit Trinkwasser versorgt. Doch seit drei Wochen ist die Quelle nur noch ein Rinnsal. Auch die drei Weidbrunnen liefern nur zehn Prozent der üblichen Menge. Mit einem Tankwagen holt Schwager täglich 2000 bis 3000 Liter Wasser bei einem Nachbarn in Oetwil, der an die Wasserversorgung der Gemeinde angeschlossen ist.

Wasser ist ein wichtiges Gut für den Bauernhof. 60 Kühe und Rinder und einige Schweine stehen in Schwagers Stall. «Zurzeit trinken sie mehr, weil wir auf Heu umstellen.» Das warme Wetter trägt zudem dazu bei, dass die Tiere durstiger sind als sonst. Karl Schwager ist besorgt. Er überlegt nun, ob er seinen Hof an die Wasserversorgung Fischingen anschliessen soll. «Auf Dauer ist ein Wassermangel nicht tragbar, und ich weiss ja nicht, wie sich die Situation mit dem Klimawandel entwickelt.»

Quellen sprudeln weniger

Noch können sich die Thurgauer auf die öffentliche Wasserversorgung verlassen. Doch auch die Quellen der Gemeinden sprudeln weniger intensiv als zu dieser Jahreszeit üblich. «Unsere Quellen verzeichnen einen Tiefstand. Sie liefern derzeit gerade noch so viel Wasser wie im extrem heissen Sommer 2003», sagt Harald Wagner, Brunnenmeister beim E & W Dussnang. Doch von einem Notstand will er nicht reden. «Es reicht noch.» Auch die 14 Quellen der Gemeinde Mammern führen weniger Wasser als sonst. «Wenn es vor Wintereinbruch nicht mehr regnet, dann werden wir im Frühjahr Probleme bekommen», befürchtet Brunnenmeister Ueli Meier.

Nicht nur die Quellen lassen nach, auch weniger Grundwasser ist vorhanden. Hanspeter Roth, Brunnenmeister in Sulgen, sagt, der Grundwasserspiegel sinke, doch sei die Situation «noch nicht besorgniserregend». Auch die einzige Quelle des Versorgungsgebietes in Kradolf-Schönenberg führe noch viel Wasser.

Marco Baumann, Abteilungsleiter Wasserbau und Hydrometrie beim Kanton Thurgau, bestätigt, dass bei etlichen Quellen sich die Erträge «auf ein Minimum» zu bewegten und der Grundwasserspiegel sinke. Dennoch sei die Versorgungslage mit Trinkwasser im Kanton gut. Besonders bei jenen Gemeinden, die Seewasser beziehen.

Die Bäche leiden ebenfalls. Der Abfluss der Murg bei Frauenfeld beträgt derzeit 0,7 Kubikmeter pro Sekunde. Im November letzten Jahres lag er bei vier Kubikmetern pro Sekunde. Die Thur bei Andelfingen hatte 2014 einen Abfluss von 38 und liegt heute bei 5,7 Kubikmetern pro Sekunde. «Die Wassermenge der Thur ist derzeit aussergewöhnlich tief», sagt Severin Gassmann vom Bundesamt für Umwelt.

Herbst so trocken wie 1962

Der Wassermangel ist darauf zurückführen, dass der Sommer sehr trocken und sehr heiss war und dass es zudem in den letzten Wochen kaum geregnet hat. Laut Stephan Bader, Klimatologe bei MeteoSchweiz, war die Niederschlagsmenge im Oktober und November bisher in der Ostschweiz extrem gering. Der Thurgau verzeichnet den trockensten Herbst seit 1962. Am Messstandort Frauenfeld gab es seit dem 1. Oktober nur gerade 38,1 mm Niederschlag. So wenig Regen gab es im Herbst seit 1962 nicht mehr. Damals fielen 38,2 mm Niederschlag (bis Ende November).

Die durchschnittliche Oktober/November-Menge liegt in Frauenfeld bei 160 mm. Trockener waren die Oktober/November-Perioden seit Messbeginn 1879 in den Jahren 1955 mit 36,5 mm und 1897 mit 33,3 mm. 1920 gab es eine Rekord-Regenarmut mit nur 11,7 mm.