Bauern-Ballett

Turmspatz

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«Es gibt einfach nichts Schöneres!», zwitschert meine Frau Turmspatz. «Finde ich auch.» Ich stelle den Picknickkorb auf eine Bank am Waldrand. Dieser Frühlingsausflug auf den Seerücken tut gut. Frau Turmspatz blättert in ihrem Heft, während ich auspacke. Unter uns fahren vier Traktoren hin und her, brechen die Erde auf und hinterlassen schnurgerade, dunkelbraune Linien. «Faszinierend, diese Präzision.»

«Jahrelanges Training bringt eben Erfolg.» Sie schaut weiter in ihr Heft. «Ich würde eher sagen, dass harte Arbeit zu einer guten Ernte führt.» Ich beisse in ein Salamibrot mit Essiggurke. «Keine Wortklauberei, lieber Turmspatz.» Da hat sie recht, es ist viel zu schön, um zu streiten. «Wenn die Bewegungen der einzelnen Akteure harmonisch abgestimmt sind, entstehen immer neue Eindrücke», erklärt sie.

Genauso ist es, die Pflugmuster auf den Feldern sind wie schraffierte Flächen, die sich immer wieder verändern. Sie öffnet die Thermoskanne, Kaffeeduft verbreitet sich. «Was fällt dir zu ‹Choreografie› ein?» Ballett und Tanz interessieren mich nicht besonders. Ich schaue lieber den Arbeitern zu, die gerade eine grosse Fläche mit kleinen Pflänzchen vor der Witterung schützen wollen. Die Männer füllen Säcke mit Erde und beschweren damit eine im Wind flatternde Plastikfolie, bis sie das widerspenstige Material gebändigt haben. «Sag schon!», fordert meine Frau.

«Eine gute Choreografie beginnt im Chaos und endet in einer neuen Ordnung», fasse ich die beobachtete Feldarbeit zusammen. «Herr Turmspatz!» Ein Kussregen prasselt auf mich nieder. «So gut hat das noch keiner erklärt.» Sie fuchtelt mit dem Programmheft von «Tanz Now» vor meiner Nase herum. «Heute Abend kommst du mit in die Vorstellung im Phoenix-Theater Steckborn, da wirst du sehen, dass deine Definition von modernem Ballett top-aktuell ist.»