BAHNVERKEHR: «Die Hardware in der Hosentasche»

Im Tarifverbund Ostwind wird Bahn- und Busfahren einfacher: Fairtiq-App-Erfinder Gian-Mattia Schucan über seine Erfindung und die Zukunftspläne der Branche.

Christoph Zweili
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Handy einschalten, App öffnen, einsteigen, auschecken – so funktioniert «Fairtiq». (Bild: PD)

Handy einschalten, App öffnen, einsteigen, auschecken – so funktioniert «Fairtiq». (Bild: PD)

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Bahnfahren ohne Billett, das ist seit gestern im «Ostwind», dem grössten Verkehrsverbund der Schweiz, möglich. Fünf Ostschweizer Unternehmen und die liechtensteinische LIEmobil führen die mobile Ticketapplikation Fairtiq ein (Ausgabe vom 10. April).

Gian-Mattia Schucan, Sie wollen das Reisen mit dem Zug angenehmer machen. Wie?

Wir wollen den Zugang zum ÖV erleichtern, vor allem für Reisende ohne GA oder Verbundabo. Der durchschnittliche Fairtiq-Kunde ist 46 Jahre alt. Als einer von mittlerweile 35000 in der Schweiz will er einfach von A nach B fahren – ohne dafür Zonenpläne studieren zu müssen, ohne Zeitverlust am Automaten oder am Schalter.

Daran haben sich die Bundesbahnen die Zähne ausgebissen. Was machen Sie besser?

Die SBB haben Ende der 1990er-Jahre versucht, das Bahnreisen mit Easy-Ride, einer Chipkarte, einfacher zu machen. Das Projekt war zwar technisch erfolgreich, ist aber aus Kostengründen eingestellt worden. Eine flächen­deckende Einführung bei sämtlichen Schweizer Bahn- und ­Busbetrieben hätte rund 600 Millionen Franken gekostet. Und die Umsetzung hätte zehn Jahre gebraucht: 11000 Bahnwagen und unzählige Busse hätten mit Lesegeräten ausgerüstet werden müssen. 2011 wurde die Idee wieder aufgenommen: Laut einer Studie betrugen die Kosten dannzumal immer noch 300 Millionen Franken.

Und die Schweizer Bundesbahnen gaben einfach auf?

Easy-Ride landete zwar auf dem Abstellgleis, doch die SBB testen jetzt zusammen mit der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn und Postauto ein eigenes System zur automatischen Reiseerfassung.

Sie waren schon im ersten Anlauf erfolgreich. Warum?

Wir verzichten auf teure Einbauten in den Zügen. Bei uns hat der Kunde mit dem Smartphone quasi die Hardware in der Hosentasche. Um die App mit GPS oder WLAN zu nutzen, müssen Handynummer und Kreditkarte hinterlegt und es muss das Speichern von Bewegungsdaten erlaubt werden. Das Gerät merkt sich automatisch, welche Strecke der Kunde fährt. Am Ende des Tages wird der günstigste Tarif belastet. Die App wird ständig weiterentwickelt.

Sie sind nicht der Einzige, der an einer ÖV-App herumtüftelt. Geht die Reise bei allen in die gleiche Richtung?

Verschiedene Wege führen zum Ziel. Das fördert den Wettbewerb und dient dem Kunden. Das Ziel ist aber wohl für alle ein Be-in- be-out-System, das die Kunden beim Ein- und Ausstieg des Transportmittels automatisch erfasst. Ein System, wie es beispielsweise die Südostbahn testet, wobei hier weiterhin Fahrzeugeinbauten nötig sind.

Sie wollen «Fairtiq» zu einer Branchenlösung machen?

Aktuell sind zwölf Unternehmen in sechs Regionen bei uns dabei. Der Tarifverbund Ostwind stiess seit gestern dazu, die Rhätische Bahn folgt im Juli, dann sind es acht Regionen. Das Wachstum nach oben ist offen. Wir decken damit flächenmässig bereits die Hälfte der Schweiz ab, bis Ende Jahr soll es die ganze Schweiz sein.

Etwas kühn, wenn Sie beim Stand von 12 von 200 Unternehmen davon ausgehen, dass Sie bald die ganze Schweiz abdecken.

Das täuscht. Der Kunde kann nicht nur in diesen 12 Unternehmen fahren, sondern jeweils im ganzen Verbund, der dazugehört. Und das mit sämtlichen Transportmitteln. Konkret: Im Ostwind-Verbund sind fünf Unternehmen dabei, aber die Kunden können im ganzen Verbundgebiet mit Fairtiq unterwegs sein. Auch SOB, SBB und Postauto akzeptieren die App in ihren Fahrzeugen, weil das ein Verbundfahrausweis ist wie jeder andere auch.

Auch die Deutsche Bahn denkt über digitale Billette nach. Ist das für Sie eine Option?

Das ist klar auch ein Thema für uns. Wir haben ein Pilotprojekt mit 800 Kunden mit den holländischen Staatsbahnen. Holland hat eine Milliarde in sein heutiges Check-in-check-out-System – mit Chipkarte – investiert.

Die Branche arbeitet auch an neuen, eigenen Preismodellen. Welche sind das?

Als Ticketvertreiber nutzen wir, was an Tarifen da ist. Wir glauben aber, dass sich da einiges entwickeln wird. Der harte Schnitt zwischen Einzeltickets und Abos wird sich längerfristig auflösen, zum Beispiel mit Mengenrabatten. Es wird in Richtung Telekom-Lösungen gehen – ohne dass das Flatrate-Modell GA gefährdet ist. Längerfristig wird es wohl auch ein «Peak Pricing» geben. Das heisst konkret: Der Kunde bezahlt zu den Hauptverkehrszeiten mehr als in den Rand­zeiten.