Bahngeschichte im Winterschlaf

Rollmaterial ist vieles vorhanden. Nur leider fehlen dem Museumsbahnverein die Mitglieder, um die historischen Bahnwagen zu renovieren. Zudem wird jemand vom Fach gesucht für die Betriebsleitung.

Ernst Hunkeler
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Er hätte zum Flaggschiff der Museumsbahn werden sollen: der MAN-Schienenbus aus dem Jahre 1963.

Er hätte zum Flaggschiff der Museumsbahn werden sollen: der MAN-Schienenbus aus dem Jahre 1963.

Ernst Hunkeler

unterseerhein@thurgauerzeitung.ch

Die Passagierwagen und Loks der Museumsbahn stehen derzeit dutzendweise auf den Bahnhöfen von Etzwilen und des Bezirks Stein. Sie warten auf den Frühling. Darunter auch der malträtierte Schienenbus.

Der pensionierte Ramser ­Sekundarlehrer Franz Signer ist einer der drei Co-Präsidenten, die den Verein mit dem wohl zweitlängsten Namen weit und breit führen: Verein zur Erhaltung der Eisenbahnlinie Etzwilen–Singen (VES). Noch länger ist nur der Name der Stiftung, als deren ausführendes Organ der Verein die Bahn betreut: Stiftung Museumsbahn Stein am Rhein–Etzwilen–Hemishofen–Ramsen & Rielasingen–Singen (SEHR & RS) heisst die von Eisenbahnfan Giorgio Behr präsidierte Gründung aus dem Jahre 2006. Noch länger war allenfalls der Testzug aus einer Diesellok und 50 Wagen, der 1991 die Hemishofer Brücke überquerte – und der die Schlussphase der letzten nicht elektrifizierten Bahnlinie der Schweiz einläutete: Nachdem 1969 der letzte Personenzug ­gefahren und 2004 wegen der Unterbrechung der Linie durch einen Kreisel in Singen auch der Güterverkehr zum Erliegen gekommen war, drohte die einst so wichtige Strecke Winterthur–Etz­wilen–Singen in einem Dornröschenschlaf zu versinken.

Stiftung gegen den Abbruch und das Vergessen

Wenn da nicht 2006 besagte Stiftung gegründet und die Bahnlinie samt Brücke vor dem Vergessen respektive dem Abbruch bewahrt worden wäre. Seither kümmert sich der Verein um den Erhalt der Strecke, organisiert in der Regel sechs Museumsbahnfahrten pro Saison, und die Stiftung kauft Rollmaterial dazu – wie etwa jenen Schienenbus, der im vergangenen Herbst von jugendlichen Vandalen verwüstet worden ist. Der Schaden ist kaum zu beziffern. Die sechs Täter und das eine Mädchen konnten überführt werden und stehen demnächst vor Gericht. Doch der grün-weisse Schienenbus, der trotz juristischer Hürden seitens des Bundesamtes für Verkehr zu einem Aushängeschild der Museumsbahn hätte werden sollen, hat ­Totalschaden erlitten.

Er rostet beim Bahnhof Hemishofen vor sich hin und sieht nun mangels Ersatzteilen wohl seiner Verschrottung entgegen. Vor und hinter ihm sind Wagen und Zugfahrzeuge abgestellt, die entweder der Stiftung oder Privatpersonen gehören. Der Verein VES verfügt einzig über fünf Schienenvelos, mit denen im Sommer Strampelfahrten zwischen Ramsen und Hemishofen unternommen werden können. Um das allerdings massenhaft vorhandene Eisenbahnmaterial zu renovieren und zu pflegen, fehlen dem Verein schlicht die (Fach-)Leute. Deshalb wünscht sich Präsident Franz Signer dringend den Zuzug von Mitgliedern, welche die Museumsbahn und die Fahrten betreuen. Etwa gleichermassen dringend wird ein Betriebsleiter gesucht, der allerdings vom Bahnfach sein muss und die Touristenfahrten mit Diesel- oder von auswärts angeheuerten Dampfloks organisiert. Ohne einen solchen Fachmann wird auf der Museumsbahn­strecke mangels Bewilligung aus Bern gar nichts mehr gehen.