Bach, Vivaldi und die Bücher

FISCHINGEN. Am Ostersonntag konzertierte das Barockorchester Capriccio in der Klosterbibliothek Fischingen. Der Ansturm war immens, ein Teil der Besucher musste gar abgewiesen werden.

Carola Nadler
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Die Bücher im Hintergrund: Das Basler Barockorchester Capriccio in der Klosterbibliothek. (Bild: Carola Nadler)

Die Bücher im Hintergrund: Das Basler Barockorchester Capriccio in der Klosterbibliothek. (Bild: Carola Nadler)

Der Traum eines jeden Konzertveranstalters: Fünf Minuten vor Konzertbeginn standen Besucher bis hinunter zum ersten Treppenabsatz, belagerten die Abendkasse. «Hat noch jemand reserviert?» Nicht abgeholte Karten wurden mit Wartenden besetzt, die Schlange rückte nach, doch zuletzt mussten dann doch gut 20 Personen wieder nach Hause geschickt werden. Der Osterfeiertag in Kombination mit dem historischen Klang eines Barockorchesters reichte offenbar aus, um das prächtige Frühlingswetter hintanzustellen.

Erfrischend leicht und geistreich

Das Basler Barockorchester Capriccio gehört mittlerweile zu den Vorreitern der Schweizer Alte-Musik-Szene. Sie bewiesen am Sonntagnachmittag, dass sie diese Position absolut verdienen, denn ihr Vortrag bestach durch eine erfrischende Leichtigkeit, geistreich, niemals abgeklärt und akademisch belehrend: «Schaut her, so macht man Barockmusik». Es war eine Freude, dem Ensemble zuzuhören, für sie selbst war es eine Freude, zu musizieren. Das in wechselnder Solobesetzung auftretende Orchester spielte ohne Dirigent, verlor aber nicht einmal in den komplexesten Sätzen eines Bachs die Homogenität. Diese kam aus ihrer Mitte und nicht von einem Dirigentenpult, mit Blickkontakten und einem gemeinsamen Atem wurde der Fluss der Musik erspürt.

Auf dem Programm standen Werke von Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach, die sich in der Klosterbibliothek mit ihren alten Büchern, oft noch aus der Lebenszeit der Komponisten, gut machten. Wo Bachs Konzert für Oboe und Violine c-Moll noch etwas gesetzte Strenge ausstrahlte und die verwobenen Linienführungen etwas Atemloses hatten, explodierten die drei kleineren Vivaldi-Concerti vor Daseinsfreude. Sein Concerto für Flautino in C-Dur erregte besonders die Begeisterung des Publikums: Yukiko Yaita macht aus ihrem kleinen Instrument eine Lerche, wie sie über einer Sommerwiese jubiliert: Zauberhaft und virtuos.

Mit Originalinstrumenten

Die Largo-Sätze der Vivaldi-Werke wirkten durch die barocke Spielweise im Positiven sehr spröde, was den Flair alter Musik ausmacht: Transparenz, messerscharfer Klang. Oft ist über eine Pizzicato-Begleitung der Streicher eine getragene Melodie gelegt, die im Concerto für 2 Oboen durch das gegenseitige Dialogisieren charmant umschmeichelt wurde. Auch hier war der Klang der Originalinstrumente anders als bei heutigen Oboen: Weich und arm, nicht schneidend, sogar ein wenig unstet, als sei das Instrument mit seinen damaligen Grifflöchern anstelle der heutigen Metallklappen noch nicht ausgereift.

Am Ende des Konzertes stand Bachs berühmtes 4. Brandenburgisches Konzert mit seinen Soloflöten. Eher unbekannt ist darin der Soloviolinen-Part, der von Dominik Kiefer mit für historische Aufführungspraxis typischem gläsernen, kantigem Ton gespielt wurde, der einen unversehens flacher atmen liess, um nur ja keinen Ton zu verpassen.