Auszeit im Dienste der Ärmsten

AADORF. Die Aadorferin Martha Inauen hat das Jahr 2015 mit einem zweimonatigen Arbeitseinsatz auf dem grössten Spitalschiff der Welt abgeschlossen – freiwillig und ohne Lohn. Für die 55jährige Pflegefachfrau ist Helfen eine Selbstverständlichkeit.

Kurt Lichtensteiger
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Pflegefachfrau Martha Inauen betreut an Bord der «Africa Mercy» eine Patientin. (Bilder: pd)

Pflegefachfrau Martha Inauen betreut an Bord der «Africa Mercy» eine Patientin. (Bilder: pd)

«Für mich war die Arbeit eine der intensivsten Bereicherungen in meinem bisherigen Leben», sagt Martha Inauen wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus Afrika. Einem Leben, das schon reich an Erfahrungen und von Schicksalsschlägen geprägt gewesen ist. Doch davon später.

Der Alltag an Bord der «Africa Mercy» – auf dem grössten zivilen Spitalschiff der Welt – im Hafen von Tamatave auf Madagaskar sei ein Aufenthalt wie in einer riesigen WG gewesen, denn man lebe und arbeite inmitten von 400 Menschen aus rund 30 Nationen. Hinzu kämen 200 afrikanische Tagesarbeiter sowie die etwa 80 Patienten mit ihren Angehörigen.

«Da prallen natürlich Welten aufeinander, doch die Stimmung und Hilfsbereitschaft waren ausserordentlich», sagt die Aadorferin, noch immer geprägt von Emotionen.

Kaum Privatsphäre

Auf dem geankerten Schiff war Privatsphäre ein rares Gut. Martha Inauen teilte nämlich ihre Koje mit fünf weiteren Pflegenden. Auf der Abteilung gehörte die Vor- und Nachbetreuung nach operativen Eingriffen zu ihrer Haupttätigkeit. «Da wurden Patienten mit riesigen Tumoren, Missbildungen, Klumpfüssen, Lippen- und Gaumenspalten, verunstalteten Gesichtern, Fisteln und vielem mehr kostenlos chirurgisch behandelt», erzählt die Pflegefachfrau. «Es sind Krankheitsbilder, die kaum mehr aus dem Kopf gehen. Die Not ist so gross und die geleistete Hilfe wie ein Tropfen auf den heissen Stein. Wir können nicht die ganze Welt verändern, aber das Leben eines einzelnen Menschen. Und wenn man nach den Operationen in die strahlenden Augen der Patienten blickt, die nichts haben als Armut und trotzdem zufrieden sind, empfindet man dasselbe grosse Glücksgefühl.»

Das sei genug der Entschädigung. Denn was den Lohn anbetrifft, so arbeiten alle gratis, vom Doktor bis zur Putzequipe. Der Fokus liege nicht auf: «Was kann ich verdienen oder gewinnen, sondern was kann ich geben?», meint Martha Inauen, die gar für Flug sowie Kost und Logis während ihres Einsatzes selber aufkommen musste.

Nächstes Jahr vor Benin

Um eine derartige Aufgabe anzupacken, braucht es Mut, Selbstlosigkeit, psychische Belastbarkeit und physische Robustheit sowie Fachkompetenz. Weil auf dem Schiff die Bordsprache Englisch ist, hat Martha Inauen einen Englisch-Sprachkurs besucht. Über eine amerikanische Stelle musste sie ihre Bewerbung mit Referenzen und der Beantwortung eines Fragenkatalogs einreichen. «Ich würde wieder auf die <Africa Mercy> gehen, die nächstes Jahr vor Benin stationiert sein wird. Doch das ist auch eine finanzielle Frage», sagt die 55-Jährige.

Die gebürtige Appenzellerin ist fürwahr eine taffe Person. Seit zehn Jahren leistet sie Palliativpflege im Zürcher Lighthouse und ist ebenso lange Vizepräsidentin des Samaritervereins Aadorf. Auch als Mitglied des Care-Teams Thurgau gelangt die Mutter von vier Töchtern, nun im Alter zwischen 22 und 30 Jahren, hin und wieder zu helfenden Einsätzen.

Zehn Jahre lang führte sie zusammen mit ihrem Mann das Altersheim in Wängi, dann noch fast zwei Jahre allein. Ein Schicksalsschlag ereilte nämlich die Familie im Jahre 1994, als ihr Mann im Alpsteingebiet tödlich abstürzte, als verschollen erklärt worden war und erst nach zwölf Jahren aufgefunden wurde. Ihre Lebensfreude und Unternehmungslust ist ihr aber nicht abhanden gekommen.

Mit dem Velo in Vietnam

Mit einer mehrmonatigen Reise durch Südamerika, einer Fahrt mit dem Velo von Vietnam nach Kambodscha und einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn erweiterte sie ihren Horizont. Ist sie von ihrem Zuhause in Aadorf abwesend, so darf sie auf die Hilfe der Nachbarschaft zählen, die sich der Pflege des Gartens rund um das Einfamilienhaus annimmt. «Was man Gutes tut, kommt wieder in irgendeiner Form zurück», ist man geneigt zu denken. Und zur Nachweihnachtszeit, dass es noch Engel und Engelchen gibt.

Die «M/V Africa Mercy» ist ein Spitalschiff des Lausanner Hilfswerks Mercy Ships. (Bild: (2011 Mercy Ships Field Service))

Die «M/V Africa Mercy» ist ein Spitalschiff des Lausanner Hilfswerks Mercy Ships. (Bild: (2011 Mercy Ships Field Service))

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