AUSSTEIGER: Fährmann und Bauer statt Pilot

Vor einem Jahr kaufte Tancredi Rochira den Landwirtschafts- und Restaurationsbetrieb Gertau bei Bischofszell. Früher wollte er Pilot werden, baute dann aber Häuser, heute baut er Pflanzen an und betreut Tiere.

Ruth Bossert
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Tancredi und Silvia Rochira betreiben auch die Fähre in der Gertau über die Sitter. (Bild: Ruth Bossert)

Tancredi und Silvia Rochira betreiben auch die Fähre in der Gertau über die Sitter. (Bild: Ruth Bossert)

Ruth Bossert

bischofszell@thurgauerzeitung.ch

Tancredi Rochira überlässt den Stab zum Abstossen am sandigen Ufer der Sitter seiner Frau Silvia. Als das Zugseil und das Steuerseil richtig eingehängt sind, gleitet die Holzfähre, die bis zu 13 Personen fasst, lautlos über den Fluss. Wegen des tiefen Wasserstands muss Silvia etwas mehr Kraft aufwenden. Das ungleiche Paar erinnert an die Gondolieri in Venedig. «Singen können wir nicht», sagt Tancredi Rochira, der breitbeinig neben seiner Frau steht. Lieber schwatzen sie mit den Ausflüglern oder beobachten auch mal einen Eisvogel. Jetzt sei die Saison zu Ende, erzählt das Paar später auf der Terrasse vor dem Restaurant, das nur über die Sommermonate geöffnet ist. Es war ihre erste Saison in der Gertau. Das Paar hat den Landwirtschafts- und Gastronomiebetrieb im vergangenen Herbst gekauft und zufrieden blicken sie auf dieses erste, intensive Jahr zurück.

Leidenschaft fürs Handwerk

Als Kind einer italienischen Familie wuchs Tancredi Rochira in der Ostschweiz auf. Nach der Matura ging er für vier Jahre zurück nach Italien – ins Militär. Mit dem Ziel, Militärpilot zu werden. Es kam anders. Rochira war farbenblind und musste den Traum vom Fliegen begraben. Er machte Abschlüsse im Bereich ABC-Waffen, kam zurück in die Schweiz und arbeitete im Aussendienst eines IT-Unternehmens. Und er entdeckte seine Leidenschaft fürs Handwerkliche. Die damalige Zeit, das seriöse Umfeld und seine guten Facharbeiter halfen ihm, seinen Traum, schlüsselfertige Wohnhäuser zu bauen, in die Realität umzusetzen. Zwei Systeme im Holzbau liess er patentieren und baute in den vergangenen 15 Jahren 50 Häuser. Die Ehe mit seiner Frau Silvia, aber besonders die Geburt seiner drei Kinder liessen ihn aber immer öfters an seinem grossen Arbeitspensum zweifeln. Rochira kannte weder Freizeit noch Ferien. Sein Interesse verlagerte sich hingegen in eine ganz andere Richtung, hin zur Natur.

Tancredi Rochira erklärt, dass sein Interesse am Ökosystem gross sei. Besonders seit auch in den gemässigten Zonen die Möglichkeit besteht, exotische Pflanzen anzusiedeln, ist er überzeugt, dass man das unbedingt nützen muss. Angefangen hat er mit Zitrusgewächsen an seinem früheren Wohnort auf 800 Metern Höhe im Appenzellerland. Granatäpfel, Pfirsiche, Zitronen, Mandarinen, Kumquats und weitere Fruchtbäumchen hat er über Jahre gepflegt. Seit er bei einem Projekt der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft involviert ist, fühlt er sich darin bestärkt, die idealen Bedingungen auf seinem Hof zu nutzen und mit einer grossen Pflanzenvielfalt zu arbeiten. Ein besonderes Augenmerk hat Rochira auf die Produktion von Kräutern. Seine Eltern haben sich mit Produkten, die nach der Lehre von Hildegard von Bingen hergestellt werden, einen Namen geschaffen. Deshalb ist für den Absatz der Kräuter gesorgt. Auf der Gertau werden seit Jahrzehnten auch Spargeln angebaut. Dieses Jahr wurden 1,5 Tonnen geerntet, andere Jahre war es auch schon die doppelte Menge.

Viele Tiere tummeln sich in der Gertau

Neben den Pflanzen verfolgt Tancredi Rochira auch bei Tieren eine erfolgsversprechende Richtung. Mit einer Schafherde von 18 Muttertieren und entsprechenden Jungtieren und einer Hasenzucht im Freilandgehege von heute 20 bis 30 Muttertieren und ungefähr fünfmal so vielen Jungtieren sieht Rochira auch hier ein grosses Potenzial.

Dass sich der ABC-Waffenspezialist, der Baumeister, nun seit eineinhalb Jahren in der Ausbildung zum Landwirt auf dem eigenen Betrieb befindet, erstaunt nicht. «Diesen Beruf muss ich von der Pike auf lernen», sagt der 40-Jährige. In der Gertau sollen in wenigen Jahren zwischen 80 und 120 verschiedene Produkte produziert werden. Zudem sei der landwirtschaftliche Betrieb stark mit dem Restaurant verknüpft, wo die eigenen Produkte im Angebot stehen werden.

Diesen Winter will Silvia Rochira die Wirteprüfung absolvieren, damit auch hier die professionelle Grundlage vorhanden ist. Und wo sieht sich der umtriebige, zukünftige Bauer in zehn Jahren? «Die Angestellten sind das wichtigste Gut in einem Unternehmen. Wenn sie das Vertrauen und die Achtung des Vorgesetzten spüren, sind sie bereit, grosse Verantwortung zu übernehmen.» Zudem sei er überzeugt, dass sich seine Kulturen wie auch seine Ideen im Tierbereich gut umsetzen liessen und dass er später regelmässig den Fährdienst übernehmen könne, um mit den Besuchern zu plaudern, obschon er im Grunde genommen ein introvertierter Mensch sei und im Restaurant am liebsten als Tellerwäscher eingesetzt werde.