Aus dem Kloster an den Untersee

STECKBORN. Unzählige Bücher hat Agatha Ebneter seit 1984 in ihrem Atelier in der Kartause Ittingen restauriert. Dann meldete die Stiftung Eigenbedarf an, und die Buchbinderin musste ihre Werkstatt diesen Herbst räumen.

Christine Luley
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Agatha Ebneter verwendet die 500 Kilogramm schwere Pappschere zum Schneiden von Papier und Karton. (Bild: Christine Luley)

Agatha Ebneter verwendet die 500 Kilogramm schwere Pappschere zum Schneiden von Papier und Karton. (Bild: Christine Luley)

Während 31 Jahren ist die Buchbinderin und Restauratorin Agatha Ebneter in ihrem Atelier Sankt Laurentius in der Kartause zu einem Begriff geworden. Seit Oktober nun arbeitet Ebneter in Steckborn. Die Stiftung Kartause Ittingen hat das Mietverhältnis gekündigt. «Dieser Schritt wurde nötig, weil wir keinen geeigneten Raum haben für Degustationen unserer eigenen Produkte, die Platzverhältnisse in den Kaffeepausen für unsere Seminargäste teils sehr eng sind und weil wir auch für Apéros je nach Wetter zu wenige Möglichkeiten haben», begründet Corinne Rüegg Widmer, Leiterin Kommunikation und Marketing Kartause Ittingen, den Schritt.

Neustart in Steckborn

«Es war eine gute Zeit in der Kartause», sagt Agatha Ebneter. Ein leises Bedauern schwingt mit. Der Auszug ist ihr schwergefallen. Am 12. September benötigte sie für die Züglete einen Lastwagen mit Hebearm. Das Bild auf ihrem Handy mit der durch die Luft schwebenden gusseisernen Pappschere, der 500 Kilogramm schweren Schneidemaschine, ist beeindruckend.

Durch einen glücklichen Zufall hat Agathe Ebneter in Steckborn eine neue Bleibe gefunden und ihr Atelier für Buchbindearbeiten, Buchrestaurierungen und Einrahmungen in einer Viereinhalbzimmerwohnung mit Blick auf den Untersee eingerichtet.

In der Küche stehen neben dem Kaffee zwei Schalen mit frischem Weizenkleister. Den pinselt sie auf in Form gerissenes Japanpapier und schliesst Risse im Papier. «Die vorhandene alte Substanz wird möglichst erhalten und wiederverwendet», sagt die Handwerkerin. Sie hat die einzelnen Arbeitsschritte dokumentiert, das Vorher und Nachher fotografiert.

Begegnung mit der Geschichte

Beim Betrachten der Seiten mit Flecken und Löchern sowie den handschriftlichen Eintragungen bekommt man eine Ahnung von der Geschichte eines Werkes und der Menschen, die es benutzt haben. Bücher bieten nicht nur geistige Nahrung. Auch Mäuse, Insekten und Pilze tun sich gütlich daran.

Ein paar Kilogramm wiegt das im Jahr 1478 von Johannes Reuchlin verfasste «Vocabularius Brevelioquus», ein lateinisches Wörterbuch für Kleriker. Gut 40 Stunden hat Agatha Ebneter eingesetzt, um die Inkunabel zu restaurieren. Ebneter hat sich ganz der Kunst verschrieben, dafür zu sorgen, dass die Kunst von einst nicht zerbröselt und zu Staub zerfällt.

Mit Tradition gebrochen

Fast von Anfang an war sie mit ihrem Atelier im ehemaligen Kartäuserkloster daheim. Nach Gründung der Stiftung und dem ersten grossen Umbau der Anlage richtete Agatha Ebneter 1984 in einem ehemaligen Pferdestall ihre Werkstatt Sankt Laurentius ein. «Einer alten Klostertradition folgend gibt es in Ittingen auch eine Handbuchbinderei, die heute Aufträge für Private und die öffentliche Hand ausführt», steht im Bildband «Kartause Ittingen» von Simone Kappeler.

Genug Patienten auf dem Tisch

Das war einmal, die Zeiten ändern sich. Die 56jährige Restauratorin schaut nach vorn. Die Kunden finden den Weg mit ihren Buchpatienten auch nach Steckborn. Zurzeit liegen drei weitere Wiegendrucke der Kantonsbibliothek Aarau auf ihrem Tisch zur Restaurierung bereit, aus der Zeit Gutenbergs bis zum Jahr 1500.

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