AUFBAUHILFE: Zur Einweihung gab’s eine Geiss

Es hat ein bisschen länger gedauert und ein bisschen mehr Geld gekostet: Aber das Schulhaus der Mbonga Primary im kenianischen Bezirk Ganze ist mit Thurgauer Hilfe fertig geworden.

Urs Brüschweiler
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Ein Schulhaus für 470 Kinder: Die Mbonga Primary im Bezirk Ganze. (Bilder: PD)

Ein Schulhaus für 470 Kinder: Die Mbonga Primary im Bezirk Ganze. (Bilder: PD)

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch

Sechseinhalb Stunden dauerte die Feier zur Einweihung des Schulhauses. Olivia Bosshart konnte zwar nicht viel von den Reden der Lokalpolitiker verstehen, und die kenianische Sonne brannte heiss vom Himmel, aber es sei natürlich dennoch ein erhebendes Gefühl gewesen, erzählt die Altnauer Lehrerin. «Wir durften ein Band durchschneiden, mussten eine Ansprache halten und wurden bei den Aufführungen der Schulkinder auch noch zum Tanz aufgefordert. Das endete ziemlich peinlich», berichtet sie lachend von ihrem letzten Kenia-Aufenthalt während den Frühlingsferien.

Altnauer Schüler sammelten 25000 Franken

Das war ein guter Tag für diese «vergessene Region» Ganze im Südosten Kenias. Die Mbonga- Primarschule mit fünf Klassenzimmern für 470 Kinder wurde errichtet mit 40000 Franken Spenden aus dem Thurgau. Gesammelt hat sie der Verein Pro Ganze. Er unterstützt seit 2012 verschiedene Hilfsprojekte in dem Regierungsbezirk, der vom ehemaligen Arboner Hauswart Peter Shehe präsidiert wird. Dessen Schweizer Partnerin Barbara Fuhrer und Olivia Bosshart engagieren sich seit Jahren für die Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort. Ein Grossteil des Geldes für die Schule haben die Altnauer Schüler von Olivia Bosshart 2014 mit einem Sponsorenlauf zusammengetragen. «Sie waren sehr stolz, als ich ihnen die Bilder von der Eröffnungsfeier gezeigt habe.» Zwischen den Kindern aus dem Bodenseedorf und jenen in Afrika sind zahlreiche Brieffreundschaften entstanden. Als Englischlehrerin hilft Bosshart ihren Schülern beim Schreiben und amtete auch gleich als Briefträgerin. «Nun hat einer der Lehrer in Kenia Zugang zum Internet. So geht das jetzt viel einfacher.»

Mit der Eröffnung des Schulhauses wurde ein Meilenstein in der Arbeit des Vereins erreicht. «Es war unheimlich zeit- und geldfressend», sagt Bosshart. Vor ihrem letzten Besuch im Herbst 2015 hatten sie ihr gesagt, das Schulhaus sei bereits fertig. Vor Ort hatte sie dann feststellen müssen, dass «fertig» nach kenianischen Massstäben etwas anderes bedeutet als in der Schweiz. Es habe nun halt etwas länger gedauert und sei ein bisschen teurer geworden. Doch auch mit der Unterstützung von Peter Shehe habe nun alles geklappt und es sei ein grosser Erfolg geworden. Am Schulhaus in Mbonga hängt nun ein Schild: «Errichtet mit Hilfe von Olivia Bossart und Barbara Fuhrer.» Dass ihr Name falsch geschrieben wurde, stört die Altnauerin nicht. Rührend fand sie, dass die beiden Schweizerinnen bei der Einweihung eine Geiss geschenkt erhielten. «Das ist eine grosse Ehre in Kenia.» Aus lo­gistischen Gründen grast das Tier derzeit immer noch in dem Dorf.

Neue Projekte zur Hilfe zur Selbsthilfe

Die Arbeit von «Pro Ganze» geht derweil weiter. Fünf Projekte laufen bereits oder werden aufgegleist. 16 Solartechniker seien dank Minikrediten ausgebildet worden. Diese hätten in der Region nun bereits 65 Installationen gemacht und geben ihr Wissen weiter. «Die Bedeutung von elektrischem Licht für das Lernen wird völlig unterschätzt», weiss die Lehrerin. «Pro Ganze» unterstützt Frauengruppen, die mit Alternativen zur Maispflanzung experimentieren. Dieser wächst bei fehlendem Regen nur schlecht. Sie kaufen Geissen und geben sie zum Aufbau einer Zucht in kleinere Dörfer. Da kommt es dann schon mal vor, dass die beiden Schweizerinnen die Tiere im Kofferraum herumchauffieren. Für ein Waisenheim, das von einer alten Frau betrieben wird, hat sich «Pro Ganze» um die Verbesserung der Infrastruktur gekümmert. «Sie haben jetzt fliessendes Wasser dort.» Ein Schwerpunkt der Entwicklungshilfe liegt weiter bei der Bildung. Der Verein möchte das Ganze Vocational College aufbauen, eine berufliche Ausbildungsstätte. Näherinnen sollen auf alten Singer-Maschinen das Handwerk lernen und Lehrer den Umgang mit Computern. Ohne Zugang zur Informatik haben die Schüler aus Ganze keine Chance auf staatliche Stipendien.

«Wir versuchen, so viel wie möglich zu machen», sagt Olivia Bosshart. Aber sie müssten sich mit den Projekten auf die 150000 Einwohner zählende Region beschränken. «Sonst verzetteln wir uns.»

Am 17. Juni, 16 Uhr, findet im Saurer-Vortragssaal ZuK, Schlossgasse 4, Arbon, eine Info-Veranstaltung statt. «Pro Ganze» informiert über seine Projekte.

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