Auf Talentsuche in der Schule

Der Kanton will Kindern und Jugendlichen mit besonderen Interessen und Begabungen in der Schule systematischer unter die Arme greifen. Heute ist es den Schulgemeinden überlassen, wie sie begabte Schülerinnen und Schüler fördern.

Christof Widmer
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Im Sport ist die Begabtenförderung schon weit: Ein Schüler der Sporttagesschule Erlen im Unihockey-Training. (Bild: Nana do Carmo)

Im Sport ist die Begabtenförderung schon weit: Ein Schüler der Sporttagesschule Erlen im Unihockey-Training. (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Die Pläne, im Thurgau für schulisch begabte Siebt- und Achtklässer wieder ein Progymnasium einzuführen, sind schon länger vom Tisch. Nun ist auch ein Ersatzkonzept des Amts für Mittel- und Hochschule vorerst in der Schublade gelandet, wie Amtschef Urs Schwager bestätigt. Im Papier geht es darum, mit speziellen Angeboten Sekschülerinnen und -schüler an die Kantonsschulen heranzuführen. Das Projekt ist nicht nur aus Spargründen sistiert. Das Departement für Erziehung und Kultur will die Begabtenförderung viel breiter fassen. «Wir versuchen, die Begabungs- und Begabtenförderung auf der ganzen Linie anzupacken», sagt Schwager.

Die Idee sei, spezielle Fähigkeiten aller Schülerinnen und Schüler zu entdecken und zu fördern – und nicht nur für jene den Weg vorzuspuren, die später an die Kanti gehen könnten. Auch besondere Talente künftiger Lehrlinge sollen gezielter gefördert werden. Eine Arbeitsgruppe aus verschiedenen betroffenen Ämtern habe schon eine Fülle von Ideen entwickelt, sagt Schwager. Demnächst dürfte die Regierung eine Folgearbeitsgruppe einsetzen, um Nägel mit Köpfen zu machen.

Heilpädagogen als Förderer

Die Begabtenförderung ist heute weitgehend den Schulgemeinden und den Lehrerinnen und Lehrern überlassen. Ist ein Jugendlicher zum Beispiel besonders an Technik oder an Physik interessiert, kann der Lehrer den Lernstoff speziell für ihn erweitern. Häufig setzen die Schulen schulische Heilpädagogen ein, die dem Klassenlehrer unter die Arme greifen. Die Volksschulgemeinde Bischofszell zum Beispiel hat dafür ein 50-Prozent-Pensum. Die Heilpädagogin geht von Schulhaus zu Schulhaus. «Damit machen wir gute Erfahrungen», sagt Schulpräsident Felix Züst, der auch Präsident des Verbands Thurgauer Schulgemeinden ist.

Der Kanton unterhält eine Fachstelle, an die sich Lehrer und Eltern wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Eine direkte kantonale Begabtenförderung gibt es nur in Sport und Musik. An sieben Sekundarschulen gibt es derzeit acht Förderprogramme für Begabte in diesen Bereichen (Kasten) – dies in Zusammenarbeit mit Sportverbänden und Musikschulen.

Zu viele Gebiete für einen Lehrer

Dass der Kanton nun auch die Begabtenförderung in den anderen Bereichen systematisch angehen will, begrüssen die Lehrerinnen und Lehrer. «Die Begabungs- und Begabtenförderung muss stärker, gezielter und strukturierter werden», sagt Anne Varenne, Präsidentin des Verbands Bildung Thurgau. Heute hänge zu viel von den Schulgemeinden und den Lehrern ab. Ein Lehrer könne gar nicht allein alle Schülerinnen und Schüler individuell fördern. Er könne sich schliesslich nicht in allen Spezialgebieten auskennen, an denen ein Kind oder ein Jugendlicher interessiert sein kann.

Es braucht mehr Personal

Für eine verstärkte Begabtenförderung seien aber genügend Ressourcen nötig, mahnt Varenne. Sie denkt dabei einerseits an genügend Personal und andererseits an die richtigen Unterrichtsmaterialien. Ideal wäre ein Netzwerk, wo die Lehrerinnen und Lehrer Spezialwissen abfragen können, sagt Varenne. Auch aus Sicht von Schulgemeindeverbandspräsident Züst ist es sinnvoll, die Begabtenförderung zu systematisieren: «Wir sind offen.» Geklärt werden müsse nebst den Inhalten aber auch, wer das ganze finanziert.