Auf Hirschsafari im Werdenberg

In den Ostschweizer Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell gibt es viele Hirsche. Im Werdenberg hat sich ihr Bestand in zehn Jahren verdreifacht. Wieso sind es so viele? Wo kommen sie her? – Forscher und Wildhüter wollen mit Sendern dem Phänomen auf die Spur kommen.

Christoph Zweili
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In schneereichen Wintern, wenn auch in der Ebene Schnee liegt, kommen die scheuen Hirsche runter ins Tal – pittoreskes Spektakel auf der Staatsstrasse zwischen Grabs und Gams. (Bild: Peter Eggenberger)

In schneereichen Wintern, wenn auch in der Ebene Schnee liegt, kommen die scheuen Hirsche runter ins Tal – pittoreskes Spektakel auf der Staatsstrasse zwischen Grabs und Gams. (Bild: Peter Eggenberger)

Selbst Fachleute rätseln: In schneereichen Wintern wandern die Hirsche beim Einnachten zu Dutzenden von den bewaldeten Hängen in die Rheinebene bei Gams, Grabs und Sennwald hinunter. Im Morgengrauen kehren sie wieder zurück. Zwischen Gams und Grabs überqueren sie dafür die Hauptstrasse. «Da gab es früher immer wieder Unfälle», sagt Dominik Thiel, Leiter Amt für Natur, Jagd und Fischerei im Kanton St. Gallen. Heute sei das nicht mehr so: Ein Gefahrenschild «Achtung Wildwechsel» zeigt den Autofahrern an, dass mit Tieren auf der Fahrbahn zu rechnen ist, zusätzlich blinkt ein Warnlicht. Die Hirschsafari, die in schneereichen Wintern fast täglich zu beobachten ist und jeweils mehrere Minuten dauert, zieht mittlerweile auch Hobbyfotografen an.

Ein Paradies für Hirsche

In den Voralpen-Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell hat es viele Hirsche, während sie im Thurgau nur in einer kleinen Population im Hinterthurgau verbreitet sind. In der Region Werdenberg hat sich der Bestand in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Eine schlüssige Erklärung dafür gibt es noch nicht, nur erste Ideen: «Das Werdenberg ist ein Paradies für Hirsche», sagt Thiel. «Störungsarme Wälder sowie extrem grüne, saftige Wiesen – bessere Futterquellen gibt es nicht.» Trotz erhöhter Abschusszahlen in den letzten Jahren hat sich der Hirschbestand weiter vergrössert.

Woher kommen diese grossen Hirschherden und wie hängen die Bestände im Rheintal, im Toggenburg, im Werdenberg sowie in den beiden Appenzell zusammen? Hier setzt das Forschungsprojekt der Kantone St. Gallen und beider Appenzell an, an dem auch der Bund und die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil beteiligt sind: Wildbiologen und Forscher haben über den Winter 34 Tiere mit GPS-Sendern und 23 mit Ohrenmarken ausgestattet.

Erste Auswertungen zeigen: Die meisten Tiere bewegen sich weniger weit als erwartet, vor allem die Hirschkühe – im Winter in der Rheintalebene, im Sommer am Grabserberg. Andere, wie der «Hirsch Nr. 15», legen Dutzende von Kilometern quer durch zwei Kantone zurück: von Gams nach Wildhaus über Alt St. Johann hinauf zur Schwägalp ins Appenzellerland – und wieder zurück.

Und wo verstecken sich die Tiere während der Jagdzeit? Die Antwort hoffen die Forscher nun aus den Halsbandsendern herauszulesen.

Rote Köpfe im Wald

Im Wald sorgten die Rotwildherden bis vor wenigen Jahren für rote Köpfe. Kaum waren der Schnee geschmolzen, die Tiere wieder verschwunden, kamen die zahlreichen Schälspuren ans Licht. Ein Ärgernis für die betroffenen privaten Waldbesitzer, Ortsgemeinden und Förster. Der Kanton St. Gallen entschädigte sie dafür zusammen mit der Jägerschaft in den 80er- und 90er-Jahren regelmässig mit mehreren Tausend Franken. 2009 gipfelte das im sogenannten «Werdenberger Wildschadenfall», einer Entschädigungsforderung über 180 000 Franken, über die gar das Bundesgericht befinden sollte, weil man sich nicht einig war. Zum höchstrichterlichen Entscheid kam es nicht, die Sache endete mit einem Vergleich. Der Ball ging zurück an den Kanton St. Gallen.

Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Heute gibt Amtsleiter Thiel offen zu: «Wir haben einen Fehler gemacht. Der Hirschbestand im Werdenberg ist zu hoch.» Der Kanton habe das Wachstum der Population unterschätzt. Die Jäger hätten die vom Kanton vorgegebene Abschussquote erfüllt. Allerdings sei auch das Geschlechterverhältnis beim Rotwild falsch eingeschätzt worden: «Je weiter das Verhältnis von eins zu eins abweicht, umso schneller wächst die Population. Und desto schwieriger wird es, die Population jagdlich zu regulieren.»

Hirsche passen sich an

Immerhin: In den letzten zwei Jahren sei der Wildbestand stabilisiert worden – Thiel: «Ein erster Schritt». Ziel sei aber die Reduktion. «Wir werden die Abschussquote für die Hirschjagd vom 15. August bis 15. Dezember nochmals anpassen müssen.» Die Jäger müssen schnell reagieren, denn der Hirsch ist schlau. Gewöhnt er sich erst an den Jagddruck, zieht er sich zurück – und macht sich nur noch nachts auf Futtersuche. Bei den Gemsen hat der Kanton das umgekehrte Problem. Hier wurden die Bestände überschätzt: «Auch hier werden wir korrigieren.»

Das revidierte Jagdgesetz tritt 2016 in Kraft. Bereits ab diesem Sommer wird aber die Verpachtung neu geregelt – und mit ihr die Entschädigungspflicht bei Wildschäden. In Zukunft sind bis zu 50 000 Franken über den Jagdpachtzins gedeckt. Was darüber hinausgeht, wird der Staatskasse entnommen. Mit dieser einvernehmlichen Lösung sind jetzt alle Parteien einverstanden. In der Verordnung zum Gesetz wird auch klar geregelt, was ein Wildschaden ist. «Voraussetzung für eine Entschädigung sind aber meist vorbeugende Verhütungsmassnahmen», sagt Thiel.