Auf Doping reagieren Ehefrau und Staatsanwältin allergisch

Sonntagsgericht

Thomas Wunderlin
Merken
Drucken
Teilen

Unter seinem Hemd zeichnet sich ein gewaltiger Brustkasten ab. Selbstsicher gibt der preisgekrönte Bodybuilder Auskunft zu den Praktiken seiner Szene, die dem Bezirksgericht Arbon fremd sein dürfte. Der 46-Jährige pflegte sich täglich anabole Steroide zu spritzen in der Zeit bis zum Juli 2013, als er drei Tage in U-Haft gekommen war. Ein Unbekannter hatte ihn wegen einer angeblichen Hanfplantage in seinem Lagerraum angezeigt. Als Beifang geriet sein Dopinglager ins Visier der Ermittler.

Der braungebrannte Kraftsportler pflegte die Flüssigkeiten namens Winstrol, Boldenone Un­decyclenate und Enantat nach eigenen Angaben einem unbekannten Polen in Arbon abzukaufen. Er nehme sie heute noch, wenn auch nicht mehr so oft, erklärt er freimütig. Der Zweck sei «Masse und Kraft» zu erhalten. Doping sei auch in andern Sportarten etwa im Radsport selbstverständlich: «Sonst hat man keine Chance.» Gemäss Sportförderungsgesetz sind Erwerb und ­Besitz von Dopingmitteln in der Schweiz legal, sofern sie dem Eigengebrauch dienen.

Seine Frau drohte dem Bodybuilder jedoch mit Scheidung, wenn er sich dope. Sie hatte erlebt, wie aggressiv ihr Bruder geworden war, als er als Zwanzigjähriger seine Muskeln mit Dopinghilfe aufgebaut hatte. Sie wollte so etwas nicht mehr erleben. Er reagiere anders, er vertrage die Mittel gut, betont der Bodybuilder.

Heute lebt er in Scheidung; seine Frau scheint ihre Drohung wahr gemacht zu haben. Die Ampullen und Spritzen hatte er just bei ihrem Bruder, seinem Schwager, versteckt. Dieser hatte ein Büro nahe des Fitnessstudios, wo der Bodybuilder trainierte. Der Schwager deckte ihn. Er habe sich gefreut, dass er auch Kraftsport betreibe, sagt der Bodybuilder. Der Schwager habe nicht gewollt, dass er sich auf einem WC im Fitnessstudio die Spritzen setzen müsse. Er habe gewusst, dass es nicht ohne Doping gehe. Die Staatsanwältin, die sich von der Verhandlung dispensieren liess, wirft ihm vor, er habe damit rechnen müssen, dass sein Schwager die Mittel selber konsumiere. Dann hätte sich der Bodybuilder strafbar gemacht, die Abgabe von Dopingmitteln ist verboten. Die Staatsanwältin beantragt eine Geldstrafe und eine kleine Busse.

Ihr Mandant habe nicht damit rechnen müssen, dass der Schwager die Mittel konsumiere, betont die Verteidigerin. Der Schwager hatte Jahre nach seiner Dopingphase einen Hirnschlag erlitten. Erneutes Dopen hätte ihn in tödliche Gefahr gebracht. Er habe sich gar nicht auf einen Wettkampf vorbereitet, weshalb Doping laut der Verteidigerin überhaupt keinen Sinn ergeben hätte.

Die Staatsanwältin wirft dem Bodybuilder auch vor, dass er mit einem Kunden, den er als Personaltrainer betreute, in Konstanz ein als «Trainingsbooster» bekanntes Mittel namens Jack3D kaufte und in die Schweiz einführte. Das stark koffeinhaltige Pulver ist für den Muskelaufbau nutzlos, erklärt der Dopingexperte auf der Anklagebank. «Wenn man müde ist, macht es wach; es hilft, den Fokus aufs Training zu richten.» In Konstanz könne man es in zwei Shops legal kaufen. Seine Verteidigerin ergänzt, dass die Inhaltstoffe von Jack3D gar nicht zu den in der Schweiz verbotenen Dopingmitteln zählten.

So löst sich die Anklage in Luft auf. «Wir haben gar nichts, was Ihre Darstellung in Zweifel zieht», sagt der Richter und erlässt einen Freispruch. Wegen der überlangen Verfahrensdauer erhält der Bodybuilder eine Genugtuung von 1000 Franken. «Wir wollen damit ein Zeichen setzen», sagt der Richter. Nachdem sich die Hanfplantage als ­inexistent herausgestellt hatte, hätte die Untersuchung eingestellt werden sollen: «Man hat krampfhaft nach neuen Vorwürfen gesucht, nachdem die Indoor-Geschichte gestorben ist.»

Thomas Wunderlin