Auf die Sauce kommt es an

Mosttröpfli

Christian Kamm
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Ich liebe Wahl-Thurgauerinnen und -Thurgauer. Sie auch? Denn die zeigen uns, die wir schweizweit oft nur mitleidig belächelt oder für unseren Dialekt sogar ausgelacht werden, wie begehrt wir eben doch sind. Man will bei uns sein, mit uns wohnen. Wir sind besser als unser Ruf.

Wirklich? Unterdessen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Unterdessen frage ich mich, ob man die Thurgauer tatsächlich um ihrer selbst willen schätzt. Oder vielleicht nur deshalb, weil es ausser dem Thurgau auch noch Zürich gibt.

«Zürcher Geschnetzeltes hält mich in der Schweiz», sagte Britta Roeske, Sprecherin von Ferrari-Star und Wahl-Thur­gauer Sebastian Vettel, dem «Blick». Die Deutsche ist selbst Wahl-Thurgauerin und wohnt seit über sieben Jahren in Kreuzlingen. Und sie sagte nicht: «Der Thurgauer Böllewegge hält mich in der Schweiz.» Oder die Mostcrème, der Apfel­kuchen. Nein, Zürcher Geschnetzeltes musste es sein.

Ein herber Schlag. Für die hiesige Gastronomie, aber auch für uns Thurgauer im Allgemeinen. Zu allem Überfluss schwärmte Vettels Sprecherin dann auch noch von den grandiosen Bergen – und meinte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht den Ottenberg. Sie erwähnte die Seen (o. k., das ist ein Anfang) und die netten Leute. Na ja, da sind wir Thurgauer sicher mitgemeint – ausser, wenn man uns von Zürich vorschwärmt.

Was nun? Der Imageschaden scheint irreparabel. Wir könnten natürlich verlangen, dass Wahl-Thurgauer ihre Verbundenheit mit der neuen Heimat künftig gefälligst mit einem Apfel-Rahm-Geschnetzelten verknüpfen. Oder, wenn es schon ein ordinäres Zürcher Geschnetzeltes sein muss, dann bitte mit einer Thurgados-Sauce veredelt. Für alle angelernten Thurgauer: Thurgados heisst unser Calvados.

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch