AUF DER JAGD: Das Tier hinter dem Rehpfeffer

Jetzt im Herbst finden im Thurgau regelmässig Treibjagden statt. Am häufigsten werden Rehe und Füchse erlegt – nur Erstere landen auf dem Teller.

Viola Stäheli
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Das Tier ist erlegt. (Bild: Reto Martin)

Das Tier ist erlegt. (Bild: Reto Martin)

Erst, als die Treiber das zweite Waldstück durchkämmen, fallen die ersten Schüsse. Zwei Füchse sind vor die Flinten der Jäger gelaufen. Die Schüsse sitzen, die Tiere sind auf der Stelle tot. Wer nun grosses Geraune und Prahlerei des Jagdglücks erwartet, wird überrascht: Nur langsam sickert durch, wer getroffen hat. Ein kurzer Glückwunsch der anderen Jäger und das war's. Ort des Geschehens ist das Amriswiler Jagdgebiet, in dem Erich Jenni als Jagdaufseher amtet. In den Monaten Oktober bis Dezember finden hier acht sogenannte Gesellschaftsjagden statt, bei denen Treiber und Jäger gemeinsam unterwegs sind.

Bild: Reto Martin
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Kaum ein Thema vermag die Geister derart zu scheiden wie die Jagd. Derzeit sind Wildspezialitäten wie Rehpfeffer mit Spätzli, Rotkraut und glasierten Marroni heiss begehrt. Was bei diesem Leckerbissen gerne vergessen geht, ist, dass das Fleisch von einem Reh stammt, das vor kurzem noch im Wald umhergesprungen ist. Vielleicht lebte es ja sogar im Amriswiler Jagdgebiet.

Drei Stösse für ein Reh, fünf für ein Wildschwein

Organisator dieser Jagden ist Tobias Laib. Er übernimmt die Jagdleitung an den acht Samstagen, an welchen die Jäger sich zusammenschliessen und ihr Glück versuchen. «Zwei Stösse ins Horn bedeuten Marder, Fuchs oder Dachs, drei ein Reh und fünf Stösse sind für das Wildschwein reserviert», erklärt er den Anwesenden. Jeder Jäger muss für seinen Schuss selber die Verantwortung übernehmen. Die 13 Jäger und sechs Treiber hören aufmerksam zu.

Schliesslich bricht die Gruppe auf, das Ziel ist der Biessenhoferwald. Als Erstes werden die Treiber mit einigen Hunden ausgeladen. Die Vorfreude der Hunde ist regelrecht ansteckend. Die Jäger stellen sich unterdessen rund um das Waldstück auf. Sie werden nun eine Stunde auf der Stelle ausharren und sich überraschen lassen, welcher Waldbewohner ihnen einen Besuch abstattet. Die mühsamere Arbeit haben die Treiber. Sie bahnen sich ihren Weg durch ein Meer aus Dornengebüsch – heilfroh um die Gamaschen und Handschuhe. Ausgerüstet mit einem Stock, prüfen sie, ob sich im Dickicht ein Tier versteckt. Die ganze Szene wird mit den melodischen Rufen der Treiber abgerundet. Schliesslich erreichen sie das Ende des Waldstücks, kein Schuss ist gefallen, die Treiber sehen lediglich einen Fuchs davonhuschen. Auch die Jäger haben einige Tiere gesehen, konnten diese aber nicht exakt anpeilen. «Es muss halt einfach alles stimmen, bevor man einen Schuss abfeuert», erklärt der einheimische Jäger Ruedi Egli. Im zweiten Durchgang hat die Gruppe mehr Glück, zwei Füchse können die Jäger erlegen.

Bevor es allerdings auf zum dritten Waldstück geht, wartet eine dampfende Suppe. Serviert wird aus dem Auto von Laib, der gestern noch Kartoffeln und Rindfleisch geschnippelt hat. Die warme Mahlzeit ist eine willkommene Abwechslung, zufrieden steht die Gruppe im Halbkreis; sie löffeln die Suppe bis zum letzten Tropfen aus. Nach der Stärkung kommt das nächste Jagdglück: Im dritten Durchgang schiessen die Jäger einen Fuchs und ein Reh. Erich Jenni macht sich sogleich daran, das Reh auszuweiden. «Herz, Leber und Nieren gehören dem Jäger, das restliche Fleisch kommt der Jagdgesellschaft zugute», erklärt er. Die Füchse hingegen bleiben unberührt – sie werden nicht verwertet. Das Fleisch verteilen die Jäger unter sich, nur ein kleiner Teil wird verkauft.

Nach der vierten und letzten Jagd steht die Ausbeute des Tages fest: Vier Füchse und ein Reh sind geschossen worden. Diese beiden Tierarten sind die häufigsten Kandidaten, sowohl bei der Gesellschafts- als auch bei der Ansitzjagd (siehe Infokasten). Dann folgt der eigentliche Höhepunkt des Tages: Die Jäger setzen sich um das Feuer bei der Grillstelle und reichen Aufschnitt herum. Das ist erst die Vorspeise – folgen wird noch ein Hauptgang, Käse und ein Dessert. Die Treiber und Jäger geniessen nach dem anstrengenden Tag die Wärme und stossen mit Wein oder Bier an. Für alle ist das der erste Schluck Alkohol.

Beute ist nicht das primäre Ziel der Jäger

«Ich gehe nicht mit dem Ziel in den Wald, möglichst viel zu erlegen», sagt Egli. Für ihn ist das wichtigste Element der Jagd vielmehr die Möglichkeit, in der Natur zu sein und die Tiere zu beobachten. Dem stimmen viele Jäger zu. Stundenlang können sie auf dem Jagdsitz verbringen und einfach nur beobachten. Für den Jagdaufseher Erich Jenni ist das tatsächliche Erlegen eines Tieres sowieso der kleinste Teil seiner Aufgaben. Er muss nicht nur das Wild zählen oder bei Autounfällen vor Ort sein, sondern auch Bauern beruhigen, deren Felder Wildschweine durchpflügt haben. «Wir sind schon so etwas wie die Waldpolizei und vermitteln zwischen dem Menschen und den Wildtieren», sagt Jenni. Schliesslich sind gerade die Jäger besonders daran interessiert, dass es dem Wild gut geht.