Auf den Spuren des Weizenkönigs

Mitte des 20. Jahrhunderts war der Kesswiler August Künzler einer der schillerndsten Unternehmer Ostafrikas. Im Norden von Tansania betrieb er eine Farm und verkaufte Grosswild an die Zoos weltweit. Vom Lebenswerk des «Weizenkönigs» ist wenig mehr als ein Unkraut übrig geblieben.

Christian Hunziker
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Das ehemalige Farmhaus von August Künzler; der Swimmingpool stellte eine Attraktion für seine Gäste dar. (Bild: Christian Hunziker)

Das ehemalige Farmhaus von August Künzler; der Swimmingpool stellte eine Attraktion für seine Gäste dar. (Bild: Christian Hunziker)

ARUSHA. Hier im Norden Tansanias ist Winter, die Temperaturen sind angenehm. Es herrscht Trockenzeit. Meine Spurensuche beginnt bei der Tanganyika Farmer's Association (TFA), jener Vereinigung, die August Künzler 1935 mitbegründete und die bis heute die Farmer mit Saatgut, Dünger und landwirtschaftlichem Zubehör versorgt. Im Dämmerlicht des dunkel getäfelten Sitzungszimmers ein erster Hinweis: Mit stolzem Lächeln und einer Zigarre im Gesicht reiht sich August Künzler in die Ahnengalerie der ehemaligen Direktoren ein. Zwei Tage später sitze ich einem Mann gegenüber, der von sich sagt: «August Künzler hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.»

Unternehmer mit Weitsicht

Elias Mshiu war noch keine zwanzig Jahre alt, als ihn August Künzler 1961 als Büroassistent in der Tanganyika Farmer's Association einstellte. Letztes Jahr ging Mshiu als Direktor der TFA in Rente. Für ihn war Künzler Förderer und Vorbild. «Wenn man über die industrielle Landwirtschaft Tansanias spricht, muss man von August Künzler sprechen.»

Er wollte die Modernisierung der Landwirtschaft vorantreiben. Einheimische Farmer pflanzten als Subunternehmer Bohnen, Weizen und Kaffee für ihn – eine bis heute übliche Praxis. Mshiu sagt, Künzler habe im Gegensatz zu anderen Europäern früh erkannt, dass sich das Ende der Kolonialzeit nicht aufhalten lasse. Gezielt habe er deshalb afrikanische Mitarbeiter gefördert – eine Förderung, die auch Mshiu zugute kam. «Als die Unabhängigkeit kam, war Künzler darauf vorbereitet.» Julius Nyerere, der erste Präsident des Landes, hatte mit Tansanias Landwirtschaft andere Pläne. Mit selbstversorgenden Dorfgemeinschaften wollte Nyerere seinen Traum eines afrikanischen Sozialismus verwirklichen.

Kein Platz in Nyereres Traum

Für industrielle Landwirtschaft blieb in diesem Weltbild keinen Platz. Mshiu sagt, auch hier habe Künzler vorgesorgt: «Als Ende der 1960er-Jahre die Verstaatlichungen der Grossbetriebe begannen, hatte er seine Farm bereits verkauft.»

Die Europäer, die heute noch in der Region leben, geben sich zurückhaltender, als ich nach August Künzler frage. Man erinnert sich zwar gerne an Besuche auf Künzlers Farm, wo man als Kinder die Elefanten, Löwen und Giraffen bestaunt hatte, die Künzler an die Zoos verkaufte. Doch irgendwie bleibt das Gefühl, Künzler sei nicht Teil dieser vor allem britisch dominierten Gesellschaft gewesen. «Er nahm wenig an gesellschaftlichen Anlässen teil. Manche Leute hielten ihn für arrogant», erklärt eine ältere Dame, die in Arusha aufgewachsen ist.

Ein anderer erinnert sich daran, Probleme mit europäischen Kunden gehabt zu haben, weil Künzler Bohnen unterschiedlichster Qualität von einheimischen Farmern zusammengekauft und nach Europa geliefert habe. Das habe zeitweise die Bohnen der ganzen Region in Verruf geraten lassen. Bis heute ist unter den Farmern Arushas ein scharfblättriges Unkraut als «Künzler Bush» bekannt. Künzler soll es mit seinem Weizensaatgut eingeschleppt haben.

Bröckelndes Vermächtnis

Künzlers ehemalige Farm zu besuchen, ist schwieriger als erwartet. Die Ländereien sind mittlerweile im Besitz einer Stiftung, die hier eine der grössten Universitäten Ostafrikas bauen will. Zwar stehen momentan noch Kaffeefelder statt Baukräne auf dem Land, doch erst nach zähen Verhandlungen darf ich das Grundstück besichtigen. Die Farm ist grösser als die Fotos erahnen lassen.

Ein neu gebautes Haus beherbergt die Büros der Stiftung, im alten Farmhaus wohnt jetzt eine Volontärin. Im Garten fehlt dem Swimmingpool, wo einst Künzlers Gäste planschten, das Wasser. Die Wirtschaftsgebäude stehen grösstenteils leer, von einer Hauswand bröckelt der Schriftzug von Künzlers Firma «Arusha Limited 1953». Noch weiss die Bauherrschaft nicht, ob die Farm dereinst den Universitätsgebäuden weichen muss.

An meinem letzten Abend in Arusha treffe ich die Familie Teffe. Sie lebt in jenem Haus, das August Künzler nach dem Verkauf seiner Farm bewohnte. Stolz zeigen mir die Teffes einige Möbel, die sie damals zusammen mit dem Haus von Künzler erworben haben. Auch ein kleiner Gartentisch hat die Jahre überdauert. So findet sich bis heute ein bisschen Thurgau in Tansania.

2014 war August Künzler in Frauenfeld eine Ausstellung gewidmet. (Bild: Nana do Carmo)

2014 war August Künzler in Frauenfeld eine Ausstellung gewidmet. (Bild: Nana do Carmo)

Elias Mshiu war August Künzlers Schützling. (Bild: Christian Hunziker)

Elias Mshiu war August Künzlers Schützling. (Bild: Christian Hunziker)