Auf den Spuren des Luchses

Ein gerissenes Reh, Pfotenabdrücke im Sand, ein Foto und mehrere Begegnungen: Im Salensteiner Wald treibt sich ein Luchs herum. Dies ist ungewöhnlich. Die Wildkatzen bevorzugen stille Bergwälder. Eine Spurensuche von Inge Staub (Text) und Donato Caspari (Foto).

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Förster Rolf Singer sucht den Waldrand nach dem Luchs ab. An der Stelle, wo er steht, hatte die Wildkatze ein Reh gerissen. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Förster Rolf Singer sucht den Waldrand nach dem Luchs ab. An der Stelle, wo er steht, hatte die Wildkatze ein Reh gerissen. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

SALENSTEIN. Ein Wander- und Fahrweg teilt die Lichtung im Fruthwiler Bannholz. Obwohl es erst später Nachmittag ist, wagt sich ein Reh aus dem Wald heraus. Es entdeckt die Kräuter, die am Zaun einer Föhren-Aufforstung wachsen. Das Reh bleibt stehen und äst. Es merkt nicht, dass sich eine Wildkatze anschleicht. Der Luchs fällt das Reh an und beisst ihm die Kehle durch. Sofort macht er sich über seine Beute her. – Ein Hund bellt und wie aus dem Nichts stehen ein Spaziergänger und sein vierbeiniger Freund am Wegesrand. Der Luchs zieht sich ins Unterholz zurück. Er wartet. Einige Zeit später beschliesst er, seine Mahlzeit fortsetzen. Gerade ein Bissen ist ihm vergönnt, als er vom Weg her Motorengeräusche vernimmt.

Der Subaru hält an. Förster Rolf Singer und der Spaziergänger steigen aus und bewegen sich vorsichtig auf die Lichtung zu. Der Luchs beschliesst, sich abermals zu verziehen. Er steht auf und trottet in Richtung Wald. Bevor das Tier zwischen den kleinen Tannen verschwindet, dreht es sich noch einmal um. Mit seinen mandelförmigen Augen mustert es die beiden Störenfriede.

«Das war jetzt eine schöne Überraschung», sagt der Förster zu seinem Begleiter, während er die Böschung hinuntersteigt, um sich das tote Reh anzusehen. «Luchse bevorzugen stille Bergwälder. Ich konnte es deshalb nicht glauben, dass du in unserer Region ein Exemplar gesehen hast.»

Fotofalle schnappt zu

Die beiden Männer verlassen die Lichtung. Am folgenden Morgen begibt sich Rolf Singer um sechs Uhr früh nochmals zum Tatort. Erneut sieht er den Luchs in der Nähe des toten Rehs. Er verständigt den kantonalen Jagdaufseher Roman Kistler. Gemeinsam bringen sie kurze Zeit später an einem abgesägten Baumstamm eine Fotofalle an, in der Hoffnung, dass sich der Luchs nochmals blicken lässt. Sie haben Glück. Die Wildkatze zieht es in der Nacht zu ihrer Beute zurück. Der Bewegungsmelder löst die Kamera aus – der Luchs ist abgelichtet.

Am nächsten Tag vergleicht Roman Kistler das Foto mit Bildern aus anderen Regionen. Jeder Luchs hat ein individuelles Fellmuster. Anhand dieses Musters kann man die Tiere identifizieren. Kistler stellt fest: Der Fruthwiler Luchs ist in den Monaten zuvor in Wattwil und im Tösstal fotografiert worden. Das einjährige Jungtier hat sich von seiner im Tössstock beheimateten Sippe gelöst, um ein eigenes Revier zu finden.

Spuren am Bach

Rolf Singer, der nicht nur Förster, sondern auch Jäger ist, sorgt sich um seinen Wildbestand. In den nächsten Tagen marschiert er quer durch seinen Wald. Er findet kein weiteres gerissenes Reh. Doch an einem kleinen Bach entdeckt er Pfotenspuren der Wildkatze im Sand. Wo steckt der Luchs? Lauert er nur wenige Meter entfernt im Dickicht? Oder ist er weitergezogen? Singer gibt die Suche auf.

Wochen später: Förster Rolf Singer nimmt die Reporterin der «Thurgauer Zeitung» mit in sein Revier. Wir verlassen Fruthwilen Richtung Helsighausen. Oberhalb des Dorfes prägen Apfel-Plantagen, Wiesen und Äcker die Landschaft. Nach 500 Metern biegt ein Forstweg von der Landstrasse ab. Er führt stetig bergauf. Nach Westen öffnet sich ein Panoramabild über Apfelbäume hinweg zum Untersee. Nach Osten verdichtet sich der Wald oberhalb einer Wiese. Ihr gegenüber steht ein Hochsitz. Wir haben die erste Station unserer Spurensuche erreicht.

«Mitte August sah ich den Luchs ein zweitesmal. Ich sass gegen viertel vor neun am Abend hier auf dem Hochsitz», erzählt Rolf Singer. Er zeigt auf den Forstweg, der sich weiter den Berg hinauf schlängelt. «Der Luchs kam den Weg herunter und bog auf die Wiese ab. Dort schaute er sich um und verschwand dann in der Dunkelheit.» An diesem Morgen grasen hier zwei Pferde und drei Kühe. Sie sind völlig ruhig. Es scheint keine Gefahr zu geben.

Zwischen Tannen und Föhren

Der Weg führt zweihundert Meter bergauf und biegt dann nach rechts ab. Eben aus geht es durch einen Mischwald. Zwischen Buchen stehen hohe Tannen und Föhren. Da, durch die Bäume schimmert etwas Ockerfarbenes. Der Blick durchs Fernglas gibt Entwarnung: Ein Baumstumpf leuchtet in der Morgensonne. – Wir erreichen die zweite Station, den Tatort. Wir blicken uns um. Achtung, am Ende der Lichtung bewegt sich etwas. Wir rühren uns nicht von der Stelle. Es ist ein Reh. Das Tier schaut uns mit grossen Augen an, dreht sich um und verschwindet im Wald.

Ein Klacken durchbricht die Stille. Dieser Ton kann nicht von einem wilden Tier stammen. Ein Wanderer biegt um die Kurve, die Walking-Stöcke schwingend. Er grüsst freundlich und geht weiter. «Auf diesem Weg sind viele Jogger und Spaziergänger unterwegs, eigentlich herrscht hier zu viel Betrieb», sagt Rolf Singer. «Luchse ziehen die Abgeschiedenheit vor. Sie sind sehr scheu und vorwiegend in der Dämmerung und in der Dunkelheit unterwegs.»

An einem Baum hängt ein Sitz, an dem eine Leiter befestigt ist. «Den hat ein Fruthwiler angebracht. Mehrere Abende sass er hier auf der Lauer. Doch der Luchs liess sich nicht blicken», erzählt Singer.

Der Förster wundert sich, dass sich der Luchs gerade sein Revier, das von einem dichten Wegenetz geprägt ist, ausgesucht hat. Weshalb gefällt es der Wildkatze hier, wo Forstarbeiter und Wanderer seine Routen kreuzen? Der Salensteiner Wald ist Teil eines grossen zusammenhängenden Waldareales, das mehrere hundert Hektaren umfasst und von Berlingen, Ermatingen bis nach Raperswilen reicht. Genügt dem Luchs dieser Wald als Lebensraum? – Dafür spricht, dass in diesem Sommer auch in Steckborn und in Güttingen ein Luchs gesehen worden ist. Dennoch könnte das Tier die Region nur gestreift haben. Denn Luchse leben in der Regel in einem Gebiet von 50 bis 100 Quadratkilometern. Die Wildkatzen können nicht länger an einer Stelle bleiben, denn mit der Zeit werden die Rehe vorsichtiger und die Luchse brauchen länger, bis sie eines reissen können.

Luchs sucht Partnerin

Der Fruthwiler Luchs müsste noch aus einem anderen Grund weiterziehen. Als Jungtier ist er auf der Suche nach einer Partnerin. Dennoch vermutet Rolf Singer: «Es könnte sein, dass sich die Wildkatze noch hier aufhält.» Schon 17mal wurde er in diesem Jahr zu einem Wildunfall gerufen, viel häufiger als in den Vorjahren. Nachts überqueren Rehe die Strasse in Richtung Helsighausen, um auf der anderen Seite Gras, Kräuter oder Knospen zu fressen. In der Morgendämmerung machen sie sich auf den Rückweg, manche werden dabei von einem Auto erfasst. Wie kommt es dazu? Werden sie vom Luchs gejagt? Der Förster bekennt, dass er die Wiederansiedlung des Luchses mit gemischten Gefühlen betrachtet. «Die Rehe sind bereits durch Wanderer, Velo- und Autofahrer unter Druck. Nun werden sie auch noch von Wildkatzen bedrängt.»

Neue Figur für Fabelweg

Wir treten den Rückweg an. «Vielleicht hat er sich im Tobel versteckt», mutmasst der Förster. Wir schauen gebannt in die Richtung, wo ein Tal den Wald durchtrennt. Nichts bewegt sich. Kein Laut ist zu hören. Absolute Stille. Wir biegen in Richtung Fabelweg ab. Dieser muss nun wohl durch eine neue Figur ergänzt werden: den schlauen und scheuen Luchs, der Fruthwilen an der Nase herumführt.

Dieser Luchs ging Mitte Juli im Salensteiner Wald in die Fotofalle. (Bild: Kantonale Jagdverwaltung)

Dieser Luchs ging Mitte Juli im Salensteiner Wald in die Fotofalle. (Bild: Kantonale Jagdverwaltung)