Auf Beizentour

Ihr in Diessenhofen habt ein merkwürdiges Verhältnis zur vergangenen Zeit», sagt mein Cousin, der Steckborner Turmspatz. «Stimmt nicht», antworte ich. «Die Uhr hier im Siegelturm geht auf die Sekunde genau. Und das Läutwerk wird jeden Tag aufgezogen.» «Was ist schon eine Uhr?», fragt er.

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Ihr in Diessenhofen habt ein merkwürdiges Verhältnis zur vergangenen Zeit», sagt mein Cousin, der Steckborner Turmspatz. «Stimmt nicht», antworte ich. «Die Uhr hier im Siegelturm geht auf die Sekunde genau. Und das Läutwerk wird jeden Tag aufgezogen.» «Was ist schon eine Uhr?», fragt er. «Ich meine eure Beizenszene. Da war auch schon mehr los.»

Weil ich nicht oft ausgehe, besuche ich einen Experten, den Schluckspecht und wir drehen eine Runde. Neben den offenen Restaurants gibt es Lücken. Die «Rheinhalde», der «Hirschen» und das «Bahnhöfli» sind zu, mit dem «Unterhof» ist das grösste Hotel eingegangen. «Da ist wirklich wenig los», sage ich. «Warte nur, es gibt auch Lichtblicke.» Wir landen vor dem «Leuen». Der Schluckspecht führt mich in die Gaststube. Schon sitzen wir mit einem vollen Glas am Stammtisch. «Diese Kulturbeiz tut dem Städtchen gut. Die Bierdegustationen, die Kochabende und die Konzerte sind spitze.» «Das ist ja schön und gut», sagt ein Mann, «aber von Marktwirtschaft hat da noch niemand etwas gehört. Die Einnahmen decken den Mietzins und die Investitionen. Löhne können so nicht erwirtschaftet werden.» «Die Leute im <Leuen> wollen nichts verdienen, sie wollen etwas auf die Beine stellen. Was gibt es dagegen einzuwenden?» «Wirte, die vom Ertrag ihres Betriebes leben müssen, haben keine Freude an der Konkurrenz.» «Für eifersüchtige Wirte gibt es einen Hoffnungsschimmer», sagt da eine Frau. «Und der wäre?» «Die Leute von der Wohnbaugenossenschaft <wohnen plus> haben den <Leuen> gekauft. Und die haben mit dem Hirschen bereits eine Kulturbeiz ins Abseits geführt.»