«Auch Tränen sind geflossen»

Ende März tritt Michel Guisolan nach 16jähriger Tätigkeit als Stadtarchivar von Stein am Rhein vorzeitig in den Ruhestand. Mit der TZ spricht er über Mainz, Peru und erzählt, wie er in Stein am Rhein Geschichte geschrieben hat.

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Michel Guisolan im Archivraum mit einem Nachlass vom ehemaligen Staatsarchivar Johannes Meyer. (Bild: Gjon David)

Michel Guisolan im Archivraum mit einem Nachlass vom ehemaligen Staatsarchivar Johannes Meyer. (Bild: Gjon David)

Wieso gehen Sie vorzeitig in den Ruhestand?

Michel Guisolan: Die ersten sieben Jahre hier in Stein am Rhein waren wunderschön. Auch mit meinem Chef, dem Stadtpräsidenten Franz Hostettmann, hatte ich eine gute Zusammenarbeit. Damals hatte ich die Vorstellung: wenn ich einmal in Rente gehe, werde ich meine Arbeitskraft dem Stadtarchiv Stein am Rhein unentgeltlich zur Verfügung stellen.

Jetzt ist es anders gekommen.

Guisolan: Ja, das änderte sich schlagartig 2006. Zum Bruch kam es, weil ich in diesem Jahr krank wurde und ein Burn-out hatte. Ich war für mehrere Monate abwesend. Von diesem Augenblick an war das Vertrauen zwischen meinem Chef und mir gebrochen. Er konnte diese Krankheit nicht akzeptieren. Mittlerweile ist Hostettmann zurückgetreten.

Bereuen Sie Ihren Rücktritt nicht, jetzt da der Stadtpräsident zurück- getreten ist?

Guisolan: Nein, ich habe diese Entscheidung noch keine Sekunde bereut. Ich sehe keine Perspektive mehr, auch nach seinem Rücktritt. Andererseits habe ich dafür auch private Gründe. Meine Partnerin, mit der ich seit sieben Jahren zusammen bin, fragt sich, wann ich endlich zurücktrete und nach Mainz ziehe. Sie lebt nämlich in Mainz. Ich hatte es ihr vor zwei Jahren schon gesagt, dass ich zurücktreten wolle, und jetzt noch weitere zwei Jahre bleiben, das will ich nicht.

Dann heisst es aus Ihrer Seite: Mich seht ihr nie wieder?

Guisolan: Nein, nein. Ich werde sicher immer wieder mal nach Stein am Rhein zurückkommen. In Stein am Rhein stehen grosse Verwaltungsreformen bevor, die natürlich auch das Stadtarchiv betreffen. Es könnten Stellen gestrichen werden oder neue Stellen entstehen. Das steht alles noch offen.

Was geht Sie das noch an, Sie sind dann ja weg.

Guisolan: Der Stadtrat benötigt weiterhin mein Wissen und meine Erfahrungen. Ich stelle ihnen natürlich mein Know-how gerne zur Verfügung.

Wie haben die Bürger von Stein am Rhein Ihren Rücktritt aufgenommen?

Guisolan: Es hat viele sehr schöne Reaktionen gegeben. Gerade von Leuten, die mich direkt angesprochen haben und sich bedankt haben für meine Arbeit. Auch aus meinem Kundenkreis, der weit über die Landesgrenzen geht, sind Reaktionen gekommen. Die entfernteste Reaktion kam aus Peru.

Auch emotionale Reaktionen?

Guisolan: Ja, bei einigen Personen sind auch Tränen geflossen.

Was sind die grundsätzlichen Aufgaben eines Archivars?

Guisolan: Der Archivar stellt sicher, dass die Verwaltungsangestellten keine Akten willkürlich vernichten. Ausserdem hat er die Akten zu bewerten, ordnen, verzeichnen, verpacken und beschriften. Dann stellen wir auch die Dokumente der Verwaltung und interessierten Personen zur Verfügung – mit der entsprechenden Beratung.

Hatten Sie viele Auskunftswillige?

Guisolan: Als ich hier anfing, kamen jährlich etwa 100 Personen. Heute sind es bis zu 500 Personen, die eine Auskunft wollen.

Sie waren fast 10 Jahre Staatsarchivar in Frauenfeld. Haben Sie noch eine Verbindung zum Kanton Thurgau?

Guisolan: Ich habe 15 Jahre lang im Thurgau gewohnt. Eine ganz besondere Verbindung habe ich zu meinem letzten Wohnort, Schloss Freudenfels in der Gemeinde Eschenz. In einer solch wunderbaren Umgebung wohnen zu dürfen, war etwas ganz Besonderes für mich.

Was schätzen Sie besonders am Thurgau?

Guisolan: Der Thurgau hat viele Facetten: vom Hinterthurgau über den Bodensee und Untersee – mit seinen wunderschönen historischen Anlagen, die mich immer faszinieren und interessieren. Ich habe mit meiner Partnerin schon mehrere Fahrten durch den Thurgau gemacht, um ihr die schönen Orte zu zeigen. Es hat ihr sehr gefallen.

Was denken Sie war der Grund, dass sich Stein am Rhein im 18. Jahrhundert nicht dem Kanton Thurgau angeschlossen hat?

Guisolan: Der linksrheinische Teil von Stein am Rhein, Vor der Brücke, war ein Niedergericht und gehörte der Stadt Stein am Rhein. Dieses Niedergericht lag aber auf thurgauischem Hoheitsgebiet. Das führte natürlich zu elend langen Streitereien und Problemen zwischen Stein am Rhein und dem thurgauischen Landvogt. Vielleicht waren diese Streitereien auch mit ein Grund, weshalb ein Anschluss an Thurgau nicht in Betracht gezogen wurde. Entscheidend war aber letzten Endes, dass Stein am Rhein lange unter zürcherischer Oberheit war, so kam das Städtchen zuerst zu Zürich, bevor es zu guter Letzt zum Kanton Schaffhausen geschlagen wurde.

Interview: Gjon David