Arenenberger Träume

Olma-Krimi von Daniel Badraun – sechster Teil

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Eben schaukelten wir noch in meinem aufblasbaren Kanu auf den Wellen der Thur, genossen die Aussicht auf die Kiesbänke am Ufer, auf die neu geschaffenen Lebensräume für seltene Vögel und den Biber. Simona erzählte von ihrer Kindheit in Weinfelden, von Ausflügen an den Fluss und den Pfadierlebnissen rund um den Ottenberg.

«Und da habe ich beschlossen, mich für einen grünen Kanton einzusetzen. Ich möchte, dass wir der Natur möglichst viel ­zurückgeben. Wie hier am Fluss.»

«Hast du deshalb mit Mina Kontakt aufgenommen?» Ich halte meine Hand ins kühle Wasser und lehne mich zurück. Die Nachmittagssonne wärmt angenehm, ich könnte glatt vergessen, dass heute Morgen meine Freundin entführt wurde und dass ich nur drei Tage Zeit habe, um sie wiederzufinden. Dazu kommt Rosario Caporese, dem ich fünftausend Franken für den Staub-Blitz-Handel schulde.

«Wir Grünen wollten, dass sie sich ganz auf unsere Seite stellt. Unmissverständlich.»

«Und? Hat sie eingewilligt?», frage ich gespannt. Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass Mina ihren Job aus politischen Gründen aufs Spiel setzt.

«Sie wollte alles offenhalten. Aber das nützt uns nichts», sagt Simona ziemlich heftig.

«Habt ihr sie darum entführt?»

Bevor sie antworten kann, ist die Brücke da. Unser Blick geht nach oben zum Mann, der etwas Schweres auf uns niedersausen lässt.

«Florian, hilf mir!» Simonas Schrei und das Zischen, als die Luft aus dem Boot entweicht. Alles passiert gleichzeitig. Wir werden ins Wasser geschleudert, dann sind die Männer in Fischerstiefeln da, die uns und unsere Habseligkeiten ans Ufer zerren. Rundherum Geschrei, schliesslich erscheint ein Wattebausch vor meinem Gesicht, der nach Operationssaal riecht und der ganzen Aufregung ein Ende bereitet.

Beim Schlossgespenst von Napoleon

In eine Wolldecke gewickelt erwache ich auf dem Rücksitz eines Autos. Draussen ist es dämmrig. Strassenlampen, Häuser, links der See. Mir ist übel. «Wasser», röchle ich. Der Mann neben mir reicht mir eine Flasche.

«Gleich sind wir da», sagt der Fahrer.

Die Strasse steigt an, dann halten wir auf einem dunklen Parkplatz und steigen aus. Mir ist kalt. «Was machen wir hier?»

«Diese Nacht schläfst du in einem Schloss», sagt der Mann neben mir.

«Ich habe aber keinen Pyjama.»

Der Fahrer lacht. «Dann kannst du auch nicht davonlaufen.»

Sie bringen mich zu einem stattlichen Gebäude, barfuss stolpere ich neben ihnen her in eine Halle hinein und die Treppe hinunter. Der Fahrer schenkt mir ein Glas Wein ein und reicht mir eine Tablette. «Schluck, dann schläfst du, wenn das Schlossgespenst kommt.»

Gähnend lege ich mich auf das bereitgestellte Feldbett. «Wo ist Simona?»

«Zu Hause. Gute Nacht.»

In meinen Träumen tanzen Kampfhunde, Motorräder und Schlauchboote herum, immer wieder fliege ich vom Stählibuckturm hinaus über das Thurtal, überquere den Seerücken und lande dann auf dem Konstanzer Münster.

Früh am Morgen wecken mich meine beiden Aufpasser und bringen mich hinüber zum Nachbargebäude, wo ich duschen kann. Saubere Wäsche und eine Jeans liegen bereit. Auf einem Bügel hängt ein Hemd und ein Jackett. Am Boden elegante Schuhe.

Beim Frühstück in der Cafeteria erklären mir Armin und Kevin, was man von mir verlangt.

«Du lächelst, beantwortest Fragen, machst Smalltalk. Kannst du das?»

Ich nicke folgsam und beschliesse, mich so bald wie möglich aus dem Staub zu machen.

Wir gehen nach draussen auf die Terrasse vor dem Schloss. Über dem Untersee liegen Nebelschwaden, die Treibhäuser der Insel Reichenau schimmern in der Morgensonne. Um halb neun trifft eine Gruppe Asiaten ein.

Ein Schützenpanzer für Mina

«Welcome in the Arenenberg castle.» Eine Museumsangestellte führt uns durchs Schloss. Ich verstehe nur Napoleon. Schritt für Schritt entferne ich mich von meinen beiden Bewachern. Als sie eingekeilt zwischen fotografierenden Chinesen und filmenden Indern vor dem Bad der Kaiserin Hortense stehen, verschwinde ich. Ein schmaler Weg führt hinunter in den Park.

«Auch keine Lust auf Kultur, Stauber?» Auf einer Bank sitzt Carlo Renner, der mir gestern Morgen in der Kartause ein schräges Angebot machte.

Soll ich weglaufen? Oder kann er mir helfen, Mina zu finden? Ich setze mich und warte ab.

«Haben Sie gut geschlafen? Sie sollten dankbar sein. Normalerweise darf niemand im Schloss übernachten.»

«Das war nicht ganz freiwillig. Was wollen Sie von mir?»

«Begleiten Sie uns heute auf unsere Tour, am Abend werde ich schauen, was ich für Sie tun kann.»

Im Laufschritt kommen Armin und Kevin den Weg hinunter, ­sehen uns und bleiben abrupt ­stehen. «Mein Freund Stauber braucht keine Kindermädchen, ihr Pfeifen!», brummt Renner und scheucht die beiden fort.

Es ist eine vergnügliche Busreise kreuz und quer durch den Kanton. Zwischendurch halten wir an. Zusammen mit den Asiaten besichtige ich erst Mowag, dann Stadler Rail. Nach dem Essen sind wir auf dem Saurer-Areal unterwegs und zum Abschluss schauen wir noch bei Dr. Vogel und der Mosterei Möhl vorbei. Meine Mitreisenden steigen in Schützenpanzer und halbfertige Zugkompositionen und trinken begeistert den trüben Saft von Thurgauer Hochstammbäumen.

«Könnten Sie sich vorstellen, wirtschaftlich tätig zu werden?», fragt mich Renner beim abschliessenden Nachtessen unterhalb vom Arboner Schloss.

«Natürlich», sage ich. «In meinem Keller lagern tausend Staub-Blitze. Diese elektrostatisch aufgeladenen Staubfänger möchte ich verkaufen. Und wenn meine Freundin zurückkommt, werde ich ihr erzählen, wie leistungs­fähig unsere Wirtschaft ist. Zufrieden?»

Carlo Renner nickt. «Für diese Staub-Blitze würde ich Ihnen zweitausend auf die Hand geben. Bei Ihrer Freundin kann ich leider nicht helfen, ich wäre aber froh, wenn Sie ihren guten Einfluss bei ihr geltend machen.»

Am liebsten hätte ich jetzt einen dieser Piranha-Schützenpanzer, dann würde ich losbrausen und alles niederwalzen auf der Suche nach Mina.

Renner hebt sein Glas, um mit den Asiaten einen Schnaps auf die Thurgauer Wirtschaft zu ­trinken. Wütend gehe ich hinüber zum Klo. «Noch zwei Tage», steht mit rotem Lippenstift auf dem Spiegel.