Archäologie: Der das Holz liest

Das Otto-Dix-Museum am deutschen Unterseeufer ist vielen ein Begriff. Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich eine archäologische Institution. Dort geben zurzeit auch Thurgauer Funde ihre Geheimnisse preis.

Gudrun Enders
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Holz spricht: André Billamboz entlockt 3000 Jahre altem Eichenholz viele Geheimnisse, für die sich auch Marion Heumüller interessiert. (Bild: Donato Caspari)

Holz spricht: André Billamboz entlockt 3000 Jahre altem Eichenholz viele Geheimnisse, für die sich auch Marion Heumüller interessiert. (Bild: Donato Caspari)

Hemmenhofen. Eine dicke, feuchte Scheibe Eichenholz liegt vor André Billamboz. Der Dendrochronologe richtet einen Lichtstrahl darauf und stellt die Stereolupe scharf. Nun kann er die Jahresringe sehen. In guten Jahren fallen sie dick aus, bei Trockenheit oder Schädlingsbefall bleiben sie schmal. Das Muster dieser Ringe ist wie ein Fingerabdruck, durch den sich das Alter des Holzes bestimmen lässt. Die passenden Sequenzen bringt meistens ein Computer zur Deckung.

Holz vom Orkopf

Das Stück Holz vor Billamboz stammt von einer Deutsch-Schweizer Tauchgrabung am Orkopf vor Eschenz (siehe Box). Die Thurgauer nehmen sich der Speerspitzen und Tonscherben an, die Deutschen untersuchen die geborgenen Holzpfähle. Letztere reisen nur wenige Kilometer, da sie auf der Höri untersucht werden. Denn dort betreibt das Baden-Württemberger Landesamt für Denkmal einen eigenen Fachbereich für Feuchtboden- Archäologie. Die Institution ist in der ehemaligen Schule von Hemmenhofen untergebracht.

Zehn Festangestellte arbeiten hier sowie bis zu 20 Mitarbeiter zusätzlich, je nach anstehenden Projekten.

Das Institut ist für über 100 Pfahlbausiedlungen am Bodensee und in Oberschwaben zuständig. Leiter Helmut Schlichtherle war sogar schon vor Ort, als das Institut noch gar nicht existierte. Es ging 1979 aus ersten Ausgrabungen auf der Höri hervor. «Wir sahen, dass da ein enormes Potenzial im Bodenseeufer steckt», sagt Archäologe Schlichtherle.

Der bedrohte Schatz

Inzwischen setzt sich Schlichtherle zusammen mit seinen Thurgauer, Zürcher oder auch Vorarlberger Kollegen dafür ein, dass die Pfahlbauten des Voralpenlandes zum Weltkulturerbe erklärt werden. Auch bei Problemen arbeitet man eng zusammen. Zurzeit versuchen Wissenschafter in einem Interreg-Projekt herauszufinden, wieso das schützende Sediment über den Pfahlbausiedlungen verschwindet und die Funde damit der Zerstörung preisgibt. Jahrtausende lagen die Steinzeitdörfer konserviert im See, doch inzwischen sind sie durch Erosion akut bedroht. «Die Wissenschafter vermuten, dass es am Schiffsverkehr oder an der Uferverbauung liegt», sagt Marion Heumüller, für Öffentlichkeitsarbeit und Koordination zuständig. Über das Interreg-Projekt informiert eine Wanderausstellung, die ab 4. März in Frauenfeld gezeigt wird (mehr unter www.der-see-erzaehlt.eu).

Mehr als nur ein Stück Holz

Zurück zu Dendrochronologe Billamboz: Er hat aus den Hölzern vom Orkopf gelesen, dass die Pfahlbauer vor Eschenz drei Dörfer erstellten. Die ersten Häuser wurden etwa 4000 vor Christus aus dicken, alten Eichenstämmen gebaut. Knapp 1000 Jahre später entstand das nächste Dorf in einem einzigen Jahr aus Jungholz. «Das war eine günstige Phase mit starker Waldnutzung», sagt Billamboz. Die Ergebnisse zur letzten Siedlung wertet er zurzeit aus.