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Arboner Nachtweisheiten

Olma-Krimi von Daniel Badraun – siebter Teil

«Noch zwei Tage», steht mit rotem Lippenstift auf dem Spiegel der Männertoilette. Die Nachricht gilt mir. Zwei Tage habe ich Zeit, um meine Freundin Mina zu finden. Wenn ich es nicht schaffe, wird kein Tomatensaft mehr fliessen, dann muss ich mit Blut, abgeschnittenen Fingern oder Schlimmerem rechnen.

In der Gaststube zeigt Carlo Renner den Chinesen und Indern, wie der Schweizer Alpenjodel funktioniert, dies mit Hilfe von weiteren Schnäpsen. Später gibt es sicher noch ein Schokoladenfondue, wer dabei sein Fruchtstück in der braunen Masse verliert, muss die nächste Runde zahlen. Das muss ich nicht haben, schnell verlasse ich das Restaurant unterhalb vom Schloss Arbon durch die Hintertüre. Vielleicht ist der Verfasser der Lippenstift-Nachricht noch in der Nähe. Die Arboner Promenade ist menschenleer. Auf der Thurgauer Seite des Sees herrscht herbstliche Melancholie. Kies knirscht unter meinen Sohlen. Rechts ein Summen. Auf einer Bank sitzt ein Mann im Schneidersitz mit kahl geschorenem Schädel.

«Ist hier gerade jemand vorbeigerannt?»

Er neigt leicht den Kopf, atmet tief. «Setz dich. Oder hast du es eilig.»

Wir sitzen nebeneinander, schauen auf den See hinaus, atmen.

Drei Weisheiten

«Probleme?», fragt er nach einer Weile.

«Massenweise. Meine Freundin ist verschwunden.»

«Ein Gewitter wirkt oft Wunder.»

«Wir hatten keinen Streit.» Abgesehen von der Staub-Blitz-Geschichte. «Mina ist entführt worden. Aus unserer Wohnung. Ich soll etwas liefern, weiss aber nicht was.»

«Wonach hat deine Freundin gesucht?»

«Sie wollte einen neuen Werbeslogan für den Thurgau verfassen. Dieser sollte übermorgen an der Olma vorgestellt werden. Alle wollten sie beeinflussen, nun ist sie weg, und ich weiss nicht mehr weiter. Was soll ich jetzt tun?»

Er atmet ein und wieder aus. «Ich habe drei Dinge gelernt in meinem Leben. Erstens verändert sich alles. Andauernd. Stärke liegt im Wandel, nicht im sturen Beharren. Zweitens muss es nicht immer mehr sein. Irgendwann ist das Mehr zu viel und du erstickst daran.»

«Und das Dritte?», frage ich gespannt.

«Das Zweitbeste macht glücklicher als das Beste. Und...»

«Und ...?»

«Vorhin kam hier eine Frau vorbei.» Dann schweigt der rätselhafte Fremde. Langsam gehe ich zurück zum Restaurant. Mal schauen, ob Renner und die Asiaten noch jodeln können nach den vielen Schnäpsen. Bevor ich beim Haus bin, fährt ein strassentauglicher Geländewagen vor. Armin und Kevin, Renners Männer fürs Grobe, steigen aus. Ich ducke mich hinter ein Gebüsch und warte. Als sie im Restaurant verschwinden, öffne ich die Heckklappe, steige hinten in den Wagen und decke mich mit einer nach Hund riechenden Decke zu.

Wenig später kommen drei Männer aus dem Lokal, in der Mitte des Trios taumelt ein stark angeheiterter Carlo Renner hin und her. Obwohl der Chef lauthals ­darauf besteht, sich selber ans Steuer zu setzen, schnallen ihn seine Männer routiniert auf dem Rücksitz fest und fahren los. Bald schon begleitet sein lautes Schnarchen das Summen des Motors.

«Meinst du, er lässt sie heute noch gehen?», fragt Armin, der fährt.

«Der ist zu müde. Nein, vor der Olma-Eröffnung morgen Mittag bleibt sie ganz sicher eingesperrt. Danach wird er das Problem mit seinen Mitteln lösen.»

«Und wie will er das machen?»

«Er wird in ihr Zimmer treten und seinen Charme entfalten.» Kevin kichert.

Die sprechen von meiner Mina. Eingesperrt von Renner. Und mir spielte er beim Abendessen ein Schmierentheater vor. Dass er nichts wisse und so. Dabei ist sie in seiner Gewalt. Am liebsten würde ich unter meiner Decke hervorkriechen, diesen eingebildeten Sack von hinten packen, würgen und ihm zeigen, wo Gott hockt. Bevor er seinen Charme an meiner Freundin ausprobieren kann, werde ich ihn aus dem fahrenden Wagen werfen.

In Renners Reich

Durchatmen, Florian. Ruhig bleiben. Die Zeit der Rache kommt noch früh genug.

Es geht gegen eins, als der Wagen in einen Feldweg voller Schlaglöcher einbiegt. Vorsichtig hebe ich die Wolldecke. Ausser einigen dunklen Bäumen ist nichts zu ­sehen. Dann flammen plötzlich Lichter auf und der Wagen rollt neben einer Scheune aus. Hier irgendwo hält Carlo Renner meine Mina fest.

«Jetzt müssen wir noch den Alten ins Bett bringen, dann ist Feierabend», sagt Armin.

«Wenn er nicht erwacht und sich irgendeine Aufgabe für uns ausdenkt», antwortet Kevin und kichert. Türen werden geöffnet, kühle Nachtluft dringt in den ­Wagen. «Kommen Sie, Chef, es ist Zeit fürs Bett.»

Renner murmelt beim Aussteigen etwas Unverständliches und lässt sich zum Haus führen, die Wagentüren bleiben offen. Wie lange dauert es, bis die Männer zurückkommen? Nach etwa zwei Minuten geht draussen das Licht aus, das ist meine Chance. Schnell schiebe ich die Decke zur Seite, klettere nach vorne auf die Bank und steige aus. Wo könnte Mina sein? Auf der Suche nach ihrem Verliess bleibe ich stehen. Da geht das Licht wieder an. Bewegungsmelder! Ich hätte es wissen müssen. Geduckt haste ich hinüber zur Scheune und schiebe das Tor so weit auf, bis ich hindurchschlüpfen kann.

Schritte auf dem Hofplatz. Die Türen des Wagens werden geschlossen.

«Sollen wir wirklich noch nach ihr schauen?»

«Dauert zwei Minuten, Kevin. Dann kann ich ruhig schlafen. Und Renner macht uns morgen nicht die Hölle heiss.»

Die Schritte kommen auf die Scheune zu, ich ziehe mich an die Rückwand zurück, stolpere über eine Kiste und reisse in der Dunkelheit irgendwelche Geräte um, die krachend zu Boden fallen.

«Was war das?» Der Strahl einer Taschenlampe dringt durch die Finsternis. Ich werfe mich flach in den Staub. Gleich werden sie hier sein, mich packen und zusammen mit Mina in einen Keller sperren. «Florian der Versager!» Sie würde mich traurig anschauen. «Ist das alles, was man von dir erwarten kann?»

Etwas Dunkles huscht an mir vorbei, maunzt und sprintet zum Tor. «Fips, du wirst auch immer fetter», sagt Armin, bückt sich zum Kater und krault ihn zwischen den Ohren.

Dann steigen die beiden Männer eine Treppe hoch, öffnen oben eine Türe, machen sie wieder zu und kommen hinunter.

«Die schläft wie ein Stein, bis morgen Mittag wirken die Medikamente todsicher.»

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