Arbeitsplatz statt Frührente

Die Invalidenversicherung (IV) ist dieses Jahr 50 Jahre alt geworden. Mit der 5. IV-Revision hat sie einen deutlichen Kurswechsel vollzogen hin zu einer Eingliederungsversicherung. Integrationsmassnahmen sollen die rasche Rückkehr ins Arbeitsleben ermöglichen. Im Thurgau funktioniert das.

Stefan Borkert
Merken
Drucken
Teilen
Beispielhaft: Die Carna Gallo AG hat sich zusammen mit dem Amt für IV frühzeitig an der Wiedereingliederung von IV-Bezügern beteiligt. (Bild: Stefan Borkert)

Beispielhaft: Die Carna Gallo AG hat sich zusammen mit dem Amt für IV frühzeitig an der Wiedereingliederung von IV-Bezügern beteiligt. (Bild: Stefan Borkert)

Frauenfeld. Immer wieder beherrschen IV-Betrüger oder solche, die Missbrauch mit der IV betreiben die Schlagzeilen. Natürlich gebe es auch im Thurgau solche Fälle, sagt der Amtsleiter Anders Stokholm. Aber deren Anzahl sei gering. Die Zahl der Betrugsfälle schätzt er auf höchstens ein Prozent. Dennoch gehe das Amt, wenn ein Verdacht bestünde, dem sofort nach, versichert er.

Die Bekämpfung des Missbrauchs der IV, und zwar von allen beteiligten Seiten, ist denn auch dem Präsidenten der Industrie und Handelskammer Thurgau, Peter A. Schifferle, ein Anliegen. Er fordert von den Unternehmen, dass sie die Wiedereingliederung von IV-Bezügern in ihr Leitbild mit aufnehmen. Dann würde am ehesten etwas vorwärts gehen. Wiedereingliederung brauche Partner, stimmt Anders Stokholm zu.

Neuer Kurs: Integration

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Invalidenversicherung stellt er, gerade mit der 5. IV-Revision, einen neuen Kurs fest. Ziel sei heute die Integration der Betroffenen ins Arbeitsleben. Die IV habe sich hin zu einer eigentlichen Eingliederungsversicherung gewandelt. Seit der 5. Revision, die 2008 in Kraft getreten ist, hat das Thurgauer IV-Amt 14 Eingliederungsverantwortliche und acht Berufsberater eingestellt. «Die Versicherten sollen wieder in den Arbeitsmarkt zurückgeführt werden.

» Erst zum Schluss werde heute als letztes Mittel die Frage nach einer IV-Rente geprüft, so Stokholm. «Wenn wir Versicherte eingliedern können, erhalten sie einen Lebensinhalt und Strukturen. Auf der anderen Seite kann die IV längerfristig Rentenkosten einsparen.» Das wirke sich nicht nur auf die Kosten der IV, sondern teils auch massiv auf die zweite Säule aus. Ein Kernstück der Eingliederung sei die Früherfassung und die Frühintervention.

Meldung bei der IV machen könne heute nicht nur der Versicherte, sondern auch der Arbeitgeber, Arzt oder Partner.

Weniger Neurenten

Je früher man einen Betroffenen wieder zurück ins Arbeitsleben führen könne, desto grösser seien auch die Erfolgschancen, weiss Daniel Naef, Leiter der Abteilung IV. Könne in den ersten 45 Tagen schon mit der Wiedereingliederung oder Case-Management begonnen werden, dann sei die Aussicht auf Erfolg sehr hoch. Im Thurgau zeigen sich bereits erste Auswirkungen.

So stieg die Eingliederungsrate nach einem Jahr von 301 auf 503 Personen an. Im Gegenzug sanken die Neurenten von 616 auf 422. Ein Erfolg, den auch Volkswirtschaftsdirektor Kaspar Schläpfer begrüsst, der die Eigenverantwortung und die Bedeutung des sozialen Friedens betont. Heinz Wendel vom Thurgauer Gewerbeverband sieht gerade im Gewerbe unterstützt von der IV eine Chance für die Rückkehr ins Arbeitsleben.