Apropos

Als die Wolke aus Tschernobyl kam Es war die Zeit damals, als schon Tauwetter zwischen Ost und West eingesetzt hatte, die Supermächte dem atomaren Wettlauf abzuschwören und ihre Arsenale abzubauen begannen. Die indirekte Bedrohung eines nuklearen Krieges: sie wich langsam.

Drucken
Teilen

Als die Wolke aus Tschernobyl kam

Es war die Zeit damals, als schon Tauwetter zwischen Ost und West eingesetzt hatte, die Supermächte dem atomaren Wettlauf abzuschwören und ihre Arsenale abzubauen begannen. Die indirekte Bedrohung eines nuklearen Krieges: sie wich langsam.

Dabei wurde die Angst lange jener Generation kollektiv eingetrichtert. Das zivile Verteidigungsbüchlein beschwor vor vierzig Jahren die nukleare Katastrophe herauf. Das Land wappnete sich weltmeisterlich mit Schutzbunkern. Im Militär übte man hemdsärmelig naiv den Kampf gegen das latent präsente Gespenst einer radioaktiven Verstrahlung.

Ein Atomkrieg brach nicht aus. Das Damoklesschwert schmolz weg, als der Kalte Krieg zu Ende ging. Doch dann ereilte uns, 1986, in fröhlicher Runde in einer Weinfelder Gartenwirtschaft versammelt an einem prächtigen vorsommerlichen Tag, die Nachricht aus Tschernobyl. So unfassbar sie war, diese Meldung von diesem GAU in einem Reaktor des ukrainischen Atomkraftwerks, so surreal war die Vorstellung möglicher Folgen.

Die radioaktive Wolke, unsichtbar und daher fies, kam dann tatsächlich herüber an den Bodensee. Die Meteorologie kannte keine Grenzen. Es gab keinen Sperrriegel, keine Abwehrmöglichkeit. Die Reichenauer Bauern mussten ihre Ernte abschreiben, auch Thurgauer Gemüse bekam Spuren ab und die Fische. Tschernobyl, über 6000 Kilometer weit weg, war plötzlich nahe, die Welt ein Dorf. Wie Fukushima und die 35-Millionen-Metropole Tokio, wo die Gemüsehändler auf ihrer Ware sitzen bleiben, heute. Globale und lokale Dimensionen nähern sich jäh an.

Was Fritjof Capra nicht vermochte und auch der Club of Rome nicht, konnte Tschernobyl nur kurzzeitig: nämlich die Technikgläubigkeit zu erschüttern. Man war bald einmal zur Tagesordnung übergegangen. Und das Mahnmal Tschernobyl wurde – mit kurzer Halbwertszeit – aus dem Gedächtnis verdrängt.

Was nicht passieren darf, ist nun doch wieder passiert. Nicht in einem alten Schrottmeiler in Bulgarien, sondern im hochtechnisierten Japan. Warum das a u c h eine lokale Geschichte ist? Weil die Atmosphäre auch heute noch grenzenlos ist. Max Eichenberger

Aktuelle Nachrichten